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J- wie Jena

20. Juni 2015

Jede Jahreszeit hat ihre Reize. Auf den Junisommersonnenschein habe ich mich besonders gefreut. Ein Hotel im Grünen, Wandern und am Abend im Biergarten sitzen, der Braugasthof Papiermühle bietet die besten Voraussetzungen dafür.

Etwa 2 km westlich vom Zentrum Jenas entfernt, ist die alte Papiermühle offensichtlich eine gute Adresse, um zu Speisen und hausgebrautes Bier zu trinken. Sonnenschein finde ich an diesem Freitagnachmittag jedoch nicht. Eigentlich bin ich gar nicht so traurig darüber, dass es erst einmal regnet. Ich bin geschafft von der Arbeitswoche und werfe nur einen kurzen Blick auf das Zimmer, strecke mich auf dem Bett aus und schlafe ein. Eine Stunde später ist der Himmel immer noch grau aber es ist trocken. Ich wage mich nach draußen. Direkt vor dem Haus beginnen Wanderwege in alle Richtungen. Von der „Horizontalen“ in Jena habe ich schon oft gehört. Allerdings ist mein gewählter Pfad alles andere als horizontal. Der steile Aufstieg zum Landgrafen belohnt mich mit einem herrlichen Ausblick auf die Stadt und die umliegenden Berge. Mein Ringen nach Luft lässt keinen Zweifel, ich muss mich mehr bewegen. Wie zur Bestätigung meines Gedankens zeigt sich die Sonne und ich nutze das gute Licht, um ein paar Fotos vom Haus und dem Biergarten zu machen, der heute nicht bewirtschaftet wird und in dem sich eine Sommerlinde befindet, die der älteste Baum Jenas sein soll. Eine Hochzeitgesellschaft, die in einem angrenzenden Gebäude feiert, nutzt die Sonne auch für ein Fotoshooting und ich bemühe mich, ihnen nicht in Jogginghose vor die Linse zu kommen.

Nach meinem Ausflug betrete ich zum 2. Mal das Zimmer. Es ist nicht uncharmant. 1996 wurde das Haus als Hotel eröffnet, seit dieser Zeit hat sich sicher nichts verändert. Alles auf „alt“ gemacht, dunkle Holzmöbel mit deutlichen Gebrauchspuren, witzig das nostalgische Telefon mit Wählscheibenattrappe. Blümchentapete und Stofflampenschirme mit Franzen, vor 20 Jahren war das “In“. Neben dem Schreibtisch steht ein kleiner leerer Einbaukühlschrank. Er sieht ein wenig aus wie ein Tresor, ist nicht angeschlossen und ich frage mich, was das soll! Die Nasszelle ist klein und nur mäßig sauber. Oberflächlich betrachtet ok aber ich schaue ja auch „unterflächlich“. Die Heizungssprossen der Handtuchhalterung sind sehr staubig, der Stöpsel des Waschbeckens unakzeptabel schmutzig, natürlich im nicht sofort sichtbaren Bereich. Einzige Ablagemöglichkeit ist ein Spiegelschrank und mir ist nicht klar, ob die sich darin befindende Bodylotion und die Haarwäsche von den Gästen vor mir stammen oder zum Haus gehören. Egal, es ist fast sieben und ich bin hungrig und vor allem gespannt auf das Selbstgebraute.

Die Gaststube fasziniert mich. Hier passen sicher mehr als hundert Gäste rein, trotzdem hat man nicht das Gefühl, in einer großen Halle zu sitzen. Mindestens zwei Gasträume grenzen aneinander und eine Holztreppe führt in eine zweite Ebene. Ich habe Glück, dass ich noch einen freien Tisch erwische denn fast alle Plätze sind besetzt oder reserviert. Fünf Sorten hausgebrautes Bier finden sich auf der Karte. Mildgehopftes Jenaer Pilsener, kräftig gehopftes Premium dunkel, Burschenbier, spritzig- erfrischend, Alt Jenaer mit getragener Milde vom karamellisierten Malz und das Schellenbier, ein dunkler Bock. Das kann ich unmöglich alles probieren- leider! Ein Alt Jenaer als Begleiter zum Lesen der Speisekarte, die mich sehr angenehm überrascht. Alle angebotenen Fleischsorten werden regional bezogen, ich finde, das ist ein gutes Konzept. Meine Überraschung ist steigerungsfähig. Das Angebot an vegetarischen Speisen ist sehr besonders. Die vegan gefüllte Spitzpaprikaschote lockt mich ebenso wie der Kartoffelkloß mit Spinat-Schafskäsefüllung, auch ein Gemüsekörbchen mit Risotto und Parmesan würde ich gern essen und die Ravioli mit Bruschetta-Füllung klingen genau so lecker. Und so passiert das, was mir seit Beginn meiner vegetarischen Lebensphase nicht mehr passiert ist, ich habe in der Gaststätte die Qual der Wahl. Ich nehme den Kartoffelkloß, schließlich befinde ich mich im Thüringer Land. Was ich serviert bekomme ist ein Augen- und ein Gaumenschmaus. Auf einem Gemüsesoßenbett von Zucchini und Tomaten ruht ein riesiger gefüllter Kloß unter einer Haube von Semmelbutter und frischen Kräutern. Das muss ich nachkochen, das wird mein neues Lieblingsgericht. Mein erstes Bier ist malzig mild. Ich bestelle noch ein Pils, das mir auch sehr gut schmeckt aber ein wenig hopfiger ist. Das Restaurant ist auf jeden Fall zu empfehlen, hierher kann man von Naumburg aus einfach mal zum Essen und Spazieren fahren.

Den Abend verbringe ich mit Schreiben, nebenbei läuft der Fernseher, wohl das einzige Teil, das hier in den letzten 18 Jahren erneuert wurde. Ich lasse etwas Abendluft ins Zimmer, was gar nicht so einfach ist, denn die Übergardine lässt sich nur in eine Richtung zurückziehen und so muss man sie mit Schwung über den Fensterrahmen heben, um den Flügel öffnen zu können. Flügel ist das Stichwort. Auf dem Treppenabsatz, in eine Ecke geklemmt, aus der es nicht raus bewegt werden kann, steht ein Klavier. Sehr schön, sehr alt, es ist sicher seelenverwandt mit meinem „Kühlschranktresor“. Um gut schlafen zu können, muss ich mein aufblasbares Reisekissen bemühen. Die Matratze ist sehr flach, leicht durchgelegen und das Kopfkissen gibt wenig Halt. Es ist das erste mal, dass mein super Kissen zum Einsatz kommen muss, zumindest in dieser Hotelserie.

Die Nacht ist ruhig und mein erster Blick aus dem Fenster, morgens gegen acht, zeigt leichten Nieselregen. Egal! Ich ziehe die Laufschuhe an und es geht die Horizontale in die andere Richtung. Heute finde ich, dass die Bezeichnung gerechtfertig ist. Die morgendliche Dusche nach dem Lauf gleicht dem Nieselregen. Das hatte ich gestern schon festgestellt, mit Wasser wird hier gespart. Das Frühstück ist durchschnittlich. Dunkle Brötchen fehlen völlig. Käse, Wurst, Marmelade, gekochte Eier, Joghurt, Müsli- alles sehr überschaubar. Eigentlich verwunderlich, das Hotel ist gut belegt, zumindest lässt die Anzahl der frühstückenden Gäste drauf schließen, da hätte man das Frühstück durchaus risikolos etwas üppiger gestalten können. Zum Abschluss möchte ich gern noch ein paar Flaschen von dem herrlichen Bier mit nach Hause nehmen, denn für den außer Haus Verkauf wird hier überall geworben. Aber leider. Fehlanzeige. Im Frühstücksraum, wo ich meine Rechnung begleiche, gibt es kein Bier, der Verkauf startet erst in einer Stunde, wenn die Gaststätte öffnet. Na, das hätte ich gern gestern gewusst. So reise ich mit einem leichten Bittergeschmack (aber nicht vom Selbstgehopften) nach einem insgesamt aber recht angenehmen Aufenthalt wieder gen Naumburg.

Kontaktdaten  Berggasthof Papiermühle

Erfurter Straße 102
07743 Jena

Telefon 03641 45980

http://www.jenaer-bier.de

Wie beurteile ich den …

Berggasthof Papiermühle Note (1-6)
Lage, Landschaft, Infrastruktur 2
Freundlichkeit der Mitarbeiter beim Empfang 1
Größe des Zimmers 1
Ausstattung des Zimmers 2
Schlafkomfort 3
Größe des Badezimmers 2
Ausstattung des Badezimmers 3
Sauberkeit Zimmer und Bad 3
Ambiente im Restaurant 2
Auswahl auf der Speisekarte 1
Qualität der Speisen und Getränke 1
Kompetenz der Servicemitarbeiter 2
Wellnessbereich Nicht vorhanden
Parkmöglichkeiten 1
Gesamtambiente des Hauses 2
Preis- Leistungsverhältnis 2
Durchschnittsnote: 1,9

Was würde ich unbedingt ändern, wenn das mein Hotel wäre?

  • Zimmer modernisieren, zumindest Betten erneuern und Fußbodenbelag
  • Frühstücksangebot erweitern, zumindest um Vollkornprodukte
  • Abreisenden Gästen das Mitnehmen von Bier ermöglichen
  • Auf Sauberkeit im Zimmer achten