Bilanz nach 19 Tagen: keine Einigung, mehrere Tote und verlorene Pantoffeln - Naumburger Fürstentag 1561

16. März 2021

Das Jahr 1561 war noch keine drei Wochen alt, als das ansonsten eher beschauliche Naumburg mit seinen ca. 5 000 Einwohnern ein Spektakel erlebte wie kaum zuvor.

Bis zum 20. Januar ritten Kürfürsten, Fürsten, Grafen und Herren mit ihren Räten und Gelehrten in die Stadt ein. Die „Herren vom hohen Rate wurden gar nicht fertig, sie mit würdigem Gruße zu empfangen“ und es fielen erhebliche Kosten für Gastgeschenke an. Natürlich kamen die Herrschaften nicht allein, sondern brachten ein Vielfaches an Tross und Dienerschaft mit.

Mit einiger Fantasie kann man sich vorstellen, wie turbulent es in den engen Gassen unserer Stadt und ihren Schenken zuging, welches Gewirr von Fremden aller Art zu Fuß in bunten Prachtgewändern und zu Pferd mit blinkenden Waffen zu sehen war. Auch mag das Ereignis manch zwielichtige Gestalten angezogen haben.

Für die Naumburger bedeutete das viel Arbeit. Die zahlreichen Gäste mussten untergebracht und verköstigt werden, wozu die vorhandenen Gasthäuser allein nicht ausreichten. Auch 4 000 Pferde waren zu versorgen. Die Stadtwache wurde durch zwei Wachtmeister und 42 Wächter verstärkt, um „während dieser unruhigen Tage die Stadt vor Feuerschaden oder dem Aufruhr unguter Geister zu bewahren.“ Diese hatten nachts alle Hände voll zu tun und trotzdem kam es „zuweilen zu Unordnungen, bei denen ein Torwächter und ein Wagenknecht erschlagen wurden.“

Trotz der kalten Wintertage trieb es die Schaulustigen, „den biederen Bürger und die sittsam sich zurückhaltende Hausfrau“ aber vor allem die Jugend hinaus auf die schneebedeckten Straßen, die abends von brennenden Pechpfannen und Pechkränzen erleuchtet wurden. Sie ahnten vermutlich nicht, dass sie Zeugen einer Veranstaltung von historischer Bedeutung waren. Was war der Anlass dieses Ereignisses?

Am 31. Oktober 1517, Naumburg war zehn Tage vorher gerade durch ein Feuer nahezu vollständig zerstört worden, heftete Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg. Dieses Ereignis wird gemeinhin als Beginn der Reformation in Deutschland betrachtet.

Obwohl Kaiser Karls V. auf dem Reichstag zu Worms 1521 über Martin Luther die Reichsacht verhängte und die Lektüre und Verbreitung seiner Schriften verbot, fand die Reformation in allen Schichten der Bevölkerung schnell immer mehr Anhänger.

Die daraus resultierenden Konflikte belasteten die politische Situation im Lande. Um diese zu lösen, bat Kaiser Karl V. die Reformatoren auf dem Reichstag in Augsburg 1530 um die Darlegungen ihrer Standpunkte. Basis dafür war ein Papier, dass auf Vorarbeiten von Luther u. a. basierte und in den wesentlichen Teilen von Melanchthon verfasst wurde. Dieses „Augsburger Bekenntnis“, welches u. a. von Kurfürst Johann von Sachsen und Markgraf Georg zu Brandenburg-Ansbach unterzeichnet war, wurde dem Kaiser übergeben. Trotz zäher Verhandlungen kam man zu keiner Einigung und der Kaiser bekräftigte das Verbot der Lektüre und Verbreitung der Lutherischen Schriften.

In den Folgejahren wurde das „Augsburger Glaubensbekenntnis“ zum Teil deutlich verändert, was nach Luthers Tod 1546 zu Streitigkeiten zwischen den Lutheranern und damit einem Zerwürfnis innerhalb der protestantischen Kirche führte.

Später wurden mehrere Versuche zur Aushandlung eines vorläufigen konfessionellen Kompromisses zwischen den Katholiken und Protestanten unternommen. Dabei trat der Naumburger Bischof Julius von Pflug als Vermittler auf. Er arbeitete einen Entwurf für ein sogenanntes Interim aus, womit für eine Übergangszeit die kirchlichen Verhältnisse geregelt werden sollten, bis ein allgemeines Konzil über die Wiedereingliederung der Protestanten in die katholische Kirche endgültig entschieden hätte.

Pflugs Aktivitäten mögen der Grund dafür gewesen sein, dass man vor 460 Jahren alle protestantischen Fürsten ausgerechnet nach Naumburg einlud, um die Streitigkeiten über die verschiedenen Fassungen des „Augsburger Bekenntnisses“ zu beenden und eine Stellungnahme zu dem Interim zu verfassen.

Bis zum 20. Januar 1561 fanden sich die meisten evangelischen Fürsten und Herren Deutschlands in Naumburg ein, darunter u. a. die Kurfürsten von Sachsen, von Brandenburg und der Pfalz, die Herzöge von Sachsen, Braunschweig, Württemberg, Mecklenburg und Pommern, die Markgrafen von Baden und Brandenburg, der Landgraf von Hessen und viele andere mehr. Der König von Dänemark, die Königin von England und andere ließen sich durch Räte vertreten.

Die Konferenzen begannen am 21. Januar und fanden im Rathaus statt. In kleineren Gruppen und im Plenum wurden die anstehenden Punkte diskutiert und versucht, die unterschiedlichen Ansichten in Einklang zu bringen.

Daneben gab es, wie heute noch üblich, diverse „Rahmenveranstaltungen“. Die hohen Gäste lebten in diesen Tagen „gar herrlich und in Freuden; ein Gastmahl folgte dem anderen, bald von diesem, bald von jenem Fürsten auf dem Tanzboden des Rathauses veranstaltet.“ Die Völlerei forderte auch ein Opfer, der Rheingraf Philipp „hat sich zu Tode gesoffen“ und wurde am 29. Januar beerdigt, wie bei Sixtus Braun nachzulesen ist.

Am 28. Januar kam in Naumburg eine kaiserliche Gesandtschaft an und bald darauf auch zwei Abgesandte des Papstes, um die evangelischen Fürsten zum Konzil nach Trient einzuladen.

Die kaiserlichen Gesandten wurden von den versammelten Fürsten am 30. Januar empfangen. Sie erklärten im Namen des Kaisers, dass aus dem fortwährenden Religionszwiespalt und dem daraus erfolgten gegenseitigen Misstrauen der größte Schade für das Deutsche Reich erwachsen sei. Der Kaiser erwarte, dass die Fürsten „den Besuch des Konzils [zur Lösung der Probleme] nicht unterlassen und den päpstlichen Gesandten mit geziemender Antwort begegnen würden.“ Die Fürsten versprachen, dass zu erwägen und berieten gemeinsam darüber am 1. Februar. Die Meinungen dazu waren allerdings geteilt. „Während Einige gegen die Beschickung des Konzils sprachen, hielten es Andere für gut, diese Gelegenheit zu ergreifen, um auf einem ökumenischen Konzil den evangelischen Glauben zu bekennen, die Beschuldigungen der Papisten zurückzuweisen und die Verderbnis des Papsttums zu enthüllen.“

Die päpstlichen Gesandten, deren Ziel es offensichtlich war, Zwietracht zwischen den evangelischen Fürsten zu säen, versuchten zunächst mit dem sächsischen und dem pfälzischen Kurfürsten gesondert zu verhandeln, was diese aber ablehnten. Deshalb gewährten ihnen die versammelten Fürsten erst nach einer mehrtägigen Wartezeit am 5. Februar eine Audienz.
Man ließ sie aus ihrer Unterkunft abholen und geleitete sie unter Begleitschutz zum Rathaus, weniger zu ihrer Ehrung, sondern um sie vor dem Pöbel zu schützen. Unter feindseligen Gebärden und Spottrufen erreichten sie den Versammlungsort. „Auf der Rathaustreppe drängte sie die gaffende Menge so sehr, dass der eine von ihnen sogar seine Samtpantoffeln im Stich lassen musste.“
Im Versammlungssaal wurden sie mit Ehrerbietung aber zurückhaltend begrüßt. Nach Übergabe des päpstlichen Einladungsschreibens forderten sie in längeren Ansprachen die versammelten Fürsten auf, „im Interesse der Glaubenseintracht das Konzil zu beschicken.“ Man gab ihnen die Antwort, dass sie von der Entscheidung der Fürsten benachrichtigt werden sollten, und geleitete sie zurück in ihr Quartier.
Kaum hatten die Gesandten den Saal verlassen, bemerkte man beim Betrachten des päpstlichen Schreibens die versteckte Anschrift: „An meinen lieben Sohn“. Das rief eine große Verärgerung hervor, denn da man den Papst nicht als Oberhaupt der Kirche anerkannte, wollte man auch nicht als Sohn angeredet werden. Das Schreiben wurde sofort ungeöffnet zurückgegeben und zwei Tage später beschied man den Gesandten: „Über das Konzil habe man dem Kaiser die Meinung gesagt und wolle darum mit dem Papst nichts weiter zu tun haben.“
Nach diesem Vorfall konnten sich die Fürsten durchsetzen, die eine Einladung zum Konzil abgelehnten.

Das andere Ziel des Fürstentages, den Theologenstreit zu beenden und die konfessionelle Einheit der Protestanten wieder herzustellen, konnte nach langen kontroversen Diskussionen nicht erreicht werden. Man beschloss, auf der unveränderten Fassung des „Augsburger Glaubensbekenntnisses“ zu bestehen.

Am 8. Februar wurden die zu Papier gebrachten Entschließungen unterzeichnet und die Versammlung geschlossen. Die Fürsten reisten ab und es kehrte wieder Ruhe in unsere Stadt ein.
Zur bleibenden Erinnerung ließ der sächsische Kurfürst eine Gedenkmünze prägen. Diese zeigt ihn auf einem Sturm umtobten Schiff, den Blick auf ein Kruzifix in den Segeln gerichtet und trägt die Umschrift: Te Gubernatore (unter deiner Leitung).

   


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