Wie die schwarze Gedenktafel an das Haus Markt 3 kam

15. April 2021

Dem aufmerksamen Betrachter der prachtvollen Häuser am Naumburger Marktplatz ist die schwarze Tafel am Haus Markt 3 vermutlich schon einmal aufgefallen. Die goldene Aufschrift ist etwas verwittert, was nicht verwundert, da die Tafel vor nun schon 100 Jahren dort angebracht wurde.

Tafel Markt 3 „D. MARTIN LUTHER herbergte in diesem Hause auf seiner Fahrt zum Reichstage in Worms am 5. April 1521“ ist auf ihr zu lesen.

Am 5. April 1921 gedachten die evangelischen Kirchengemeinden Naumburgs dieses Ereignisses an dessen 400. Jahrestag mit einem Festgottesdienst im Dom und einem Gemeindeabend im Ratskellersaal. Doch zuvor gab es einen Festakt, in dessen Verlauf die Gedenktafel enthüllt wurde.

Dazu versammelte sich vor dem Haus, das zu diesem Zeitpunkt der verwitweten Konditoreibesitzerin Frau Elisabeth Furcht gehörte, viel Prominenz. Neben vielen kirchlichen Würdenträgern waren auch der Oberbürgermeister, der Landrat, der Stadtverordnetenvorsteher und andere Persönlichkeiten der Stadt anwesend. Nach einem einleitendem Chorgesang ging der Festredner auf Luthers damaligen Besuch ein und erklärte, „dass wir die Gedenktafel der Hochherzigkeit der Besitzerin des Hauses verdanken“. Die Anregung für das Anbringen der Tafel ging vom damaligen Lehrer und späterem Museumsleiter Friedrich Hoppe aus, der sich mit der Veröffentlichung zahlreicher Arbeiten zur Geschichte von Naumburg und Umgebung große Verdienste erwarb. Die Schrift auf der Tafel wurde vom damaligen Stadtbaurat Friedrich Hoßfeld ausgeführt, dem wir heute noch Bauwerke wie das Oberlandesgericht, das Krankenhaus und die Siedlung am Georgenberg verdanken.

Mit der Erklärung des Festredners, dass er die Tafel „in den freundlichen Schutz der Stadt“ übergebe, endete die Rede. Nach der Abnahme der Hülle um die Tafel antwortete der Oberbürgermeister Dietrich „unter dem Ausdrucke des Dankes, dass er gern dem Wunsche nach Schutz der Stadt entspreche.“ Weiter führte er aus: „Der Wanderer, der jahraus jahrein unsere schöne Stadt durchziehe, werde in Zukunft auch vor diesem Hause rasten und eine kurze Feier des Zurückdenkens an das Jahr 1521 halten. Dabei sei nicht die Tatsache, dass Luther überhaupt einmal hier übernachtet habe, für ihn von besonderer Bedeutung, sondern die, dass er in diesem Hause herbergte auf jener denkwürdigen Fahrt nach Worms, die ihn erst auf die Höhe weltgeschichtlicher Bedeutung geführt habe.“

Worum ging es eigentlich bei Luthers Reise nach Worms? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir bis zum 31. Oktober 1517 zurückgehen. An diesem Tag soll Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben, was gemeinhin als Beginn der Reformation betrachtet wird. Eine sofortige Reaktion darauf blieb aber aus. Als dann Ende 1517 Drucke der Thesen in Umlauf gebracht wurden, fanden diese einerseits stürmische Zustimmung durch einige humanistische Gelehrte sowie einige Fürsten, andererseits eine völlige Ablehnung aus vielen Teilen der römischen Kirche.

Daraufhin wurde 1518 gegen Luther in Rom ein Ketzerprozess eröffnet, der schließlich 1520 dazu führte, dass er aufgefordert wurde, seine Lehren zu widerrufen, anderenfalls wurde ihm der Bann, also der Ausschluss aus der Kirche, angedroht. Da Luther einen Widerruf verweigerte, machte der Papst seine Drohung wahr und verhängte Anfang 1521 den Bannfluch über Luther.

Ein großer Fürsprecher Luthers, Friedrich der Weise, Kurfürst zu Sachsen, setzte sich dafür ein, dass Luther auf dem Reichstag in Worms noch einmal angehört werden sollte. Dem stimmte Kaiser Karl V. zu und versprach Luther ein freies Geleit dorthin.

In Begleitung eines Reichsherolds brach Luther am 2. April in Wittenberg auf. Ihn begleiteten einige Mitstreiter, darunter Nikolaus von Amsdorf, der später, 1542 von Luther im Naumburger Dom als Bischof von Naumburg eingeführt wurde. Der Weg führte sie über Naumburg, Erfurt, Gotha, Eisenach, Frankfurt am Main nach Worms, wo sie am 16. April eintrafen. Schon einen Tag später trat Luther auf dem Reichstag auf und weigerte sich erneut, seine Thesen und Ansichten zu widerrufen.

Kaiser Karl V. verhängte daraufhin die Reichsacht über Luther, was zusätzlich zu seinem Ausschluss aus der Kirche auch den Ausschluss aus der weltlichen Gemeinschaft bedeutete. Niemand durfte ihn mehr beherbergen und wer ihn fände, sollte ihn ausliefern. Auch das Lesen und die Verbreitung von Luthers Schriften wurde verboten, diese sollten verbrannt werden.

Schließlich wurde Luther auf seinem Heimweg im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Weisen „entführt“ und auf die Wartburg bei Eisenach gebracht, um ihn zu schützen. Damit verschwand Luther die nächsten Jahre von der Bildfläche und begann unter dem Decknamen "Junker Jörg" mit der Übersetzung der Bibel ins Deutsche.

So viel zum geschichtlichen Hintergrund der Fahrt. Doch was weiß man über Luthers Aufenthalt in Naumburg?

Der schon erwähnte Friedrich Hoppe schilderte die Ankunft Luthers in Naumburg so: An besagtem Tage „machte sich in Naumburg reges Leben bemerkbar. Die ganze Stadt war auf den Beinen, denn es hieß, der kühne Augustinermönch Dr. Luther aus Wittenberg, dessen reformatorisches Wirken schon lange zahlreiche Freunde gefunden hatte, werde heute noch auf der Reise nach Worms hier eintreffen.“ Er „zog zum Jakobstore ein. Ein kaiserlicher Herold mit dem Reichsadler auf dem Wappenrocke trabte voraus. Hinter ihm kam das Planwägelchen der Stadt Wittenberg, worin Luther mit seinem Freunde Amsdorf und zwei weiteren saß. Aber in Naumburg war nichts von der stürmischen Begeisterung wie nachher in Erfurt und Eisenach zu merken. Er wohnte beim Bürgermeister (Markt 3).“

Sixtus Braun ist der Besuch Luthers in seinen „Annales Numburgenses von 799 bis 1613“ einen Satz wert: „D[octor] Martin Luthern hat der Rat Freitags nach Ostern [5. April 1521] in B[ürgermeister] Greßlers Hause das Geschenke geschickt. R.R. fol. 115“ Bei „R. R. fol. 115“ handelt es sich um einen Hinweis auf eine Ratsrechnung im Zusammenhang mit dem Besuch. Der Stadtschreiber, Ambrosius Dörffer, vermerkte seinerzeit „23 Groschen 3 Pf. für 1 Stübchen Malvasier, die Kanne um 16 alte Groschen; ein halb Stübchen Meth, die Kanne 2 Gr.; für 1 Stübchen Landwein, die Kanne um 6 Pfg. und für 1 Stübchen Bier des Kaisers Herold samt Doktor Martin Luther Freitags in der Osterwoche auch ins Bürgermeister Greßlers Behausung zu Geschenk gegeben.“ Das Luther mit seinem Gefolge so bewirtet wurde war nicht seiner Person geschuldet, sondern üblich zur damaligen Zeit. Wie groß der Durst der Herrschaften war, lässt sich heute schwer nachvollziehen, da die Mengeneinheit Stübchen abhängig von der Region und der Art des Getränkes war.

Johann Bürger berichtet außerdem in seinen „Annales Numburgenses von 1111 bis 1616“, dass Luther noch ein weiteres Geschenk erhalten haben soll. Laut Friedrich Hoppe handelt es sich dabei um das Bildnis des Florentiner Märtyrers Savonarola, welches der Abt des Georgenklosters Luther überreicht habe, um ihn vor seiner Weiterreise nach Worms zu warnen.

Soweit die Schilderungen zu den Ereignissen im Jahre 1521, die Glaubwürdigkeit der von Hoppe genannten Details kann sicherlich unterschiedlich bewertet werden.

400 Jahre später, also vor 100 Jahren, endete der Festakt zur Enthüllung der Gedenktafel mit „einer Tasse Kaffee mit Torte, welche die Freundlichkeit der Frau Furcht einer Anzahl Gästen darbot“, währenddessen Lehrer Hoppe die wohlerhaltenen städtischen Urkunden über Luthers Besuch zeigte.

Heute, nunmehr 500 Jahre nach Luthers Aufenthalt in Naumburg hat der Autor, vielleicht auch Corona bedingt, kein Gedenken an dieses Ereignis bemerkt. Auch stellt sich die Frage, ob die Stadt sich noch an das vor 100 Jahren abgegebene Versprechen gebunden fühlt, die Gedenktafel in ihren Schutz zu übernehmen. Wenn dem so ist, sollte sie eine Renovierung der Tafel in Angriff nehmen.

   


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