Vom Ausrufer und anderen „Gestalten der Straße“
20. Februar 2025
Was macht man heutzutage, wenn man etwas verloren hat? Womöglich die Hausschlüssel, das Smartphone und gar den Ehering? Man kann sich an das Fundbüro wenden. Persönlich, telefonisch, oder über das Onlineportal auf der Website der Stadt Naumburg.
Vor 190 Jahren gab es bekanntermaßen die zweite und dritte der genannten Möglichkeiten noch nicht. Wie der Umgang mit Fundsachen damals organisiert war, erfahren wir aus einer Bekanntmachung des Magistrats der Stadt Naumburg aus dem Jahr 1835: „Um die öffentliche Bekanntmachung der verlorenen und gefundenen Sachen, welche bei uns angezeigt, resp. eingeliefert werden, zu erleichtern, haben wir angeordnet, dass solche auf einer im unterem Rathauslokal aufgehängten Tafel angezeigt werden. Wer außer dieser Anzeige einen besonderen Ausruf einer verlorenen Sache verlangt, hat darauf besonders anzutragen, und die Kosten dafür mit 15 Sgr. zu erlegen, so wie wir uns auch vorbehalten, gefundene Gegenstände, wenn solche besonders wertvoll sind, ausnahmsweise besonders ausrufen zu lassen.“
Es gab damals also einen Ausrufer. Das war ein besonderer Ratsangestellter, später ein Polizeidiener, der fast täglich die Gassen durchschritt und an bestimmten Ecken mit lauter Stimme die neuesten Bekanntmachungen von sich gab. Dazu gehörten Ankündigungen, Verlustmeldungen oder Versteigerungen. Besondere Sensationen im damaligen Naumburg, die auf diese Art angekündigt wurden, waren z. B. durchziehende Kameltreiber, Dudelsackbläser, Bärenführer oder Seiltänzer, die auf der Vogelwiese oder dem Markt auftraten. Aber auch auswärtige Theatergesellschaften, die hier gastierten, wurden so angekündigt.
Damit die Ausrufe gut verstanden werden, legte der Magistrat 1835 folgendes fest: „Derjenige unserer Unteroffizianten, welcher die öffentlichen Ausrufe verrichtet, wird künftig an den einzelnen Rufestellen vorher ein Zeichen mit einer Klingel geben. Wir machen dies bekannt, und fordern alle Kutscher und Wagenführer auf, auf dieses Zeichen still zu halten, und den Ausruf nicht durch Weiterfahren zu stören.“
Die Mitteilung von Neuigkeiten auf diesem Wege war notwendig, weil das Naumburger Kreisblatt bis Mitte 1845 nur einmal wöchentlich, nämlich am Sonnabend erschien. Danach gab es bis 1871 zwei Ausgaben pro Woche, am Mittwoch und Sonnabend. 1872 wurde auf 4 wöchentliche Ausgaben umgestellt, die am Montag, Mittwoch, Freitag und Sonnabend zu erhalten waren. Ab 1874 erschien zusätzlich noch am Donnerstag eine Ausgabe. Mit dieser Häufigkeit des Erscheinens hatte sich die Zeitung als Verkündungsblatt durchgesetzt, wodurch das Amt des Ausrufers nicht mehr gebraucht wurde und seine Klingel nicht mehr zu hören war.
Zufrieden waren damit jene, die von der Klingel des Ausrufers genervt waren, so wie sich heutzutage manche Leute von den schlagenden Kirchturmuhren gestört fühlen.
Doch es gab noch andere „lärmende Personen“ in den Straßen, was einen Naumburger dazu veranlasste, folgendem Leserbrief an das Kreisblatt zu schreiben: „Die Klingel des Ausrufers, auf deren Klang sonst die schleunigsten Bekanntmachungen geschehen konnten, darf in Naumburg nicht mehr ertönen. Sie war für unsere Stadt unpassend geworden. Wie ist dies aber nun mit ‚Warme Bräz!?‘ Tagtäglich ertönt dies Gebrüll jetzt durch die Straßen und wird namentlich in diesem Jahre fast unerträglich. Kaum hat eine Mutter mit Mühe und Not den kleinen Säugling zur Ruhe gebracht, so weckt ihn ein solcher Bretzeljunge mit seinen niemals ‚Warmen‘ wieder auf; — kaum hat ein Kranker sein Auge zum erquickenden Schlummer geschlossen, — kaum ist der bejahrte Vater zum Mittagsschläfchen eingenickt, da erschallt's wie aus Löwenrachen: ‚Warme Bräz!‘ Vorbei ist's dann mit Erquickung und Stärkung. Es wird doch kein anderes Geschrei auf der Straße gelitten, warum gestattet man gerade dies für Gesunde und Kranke so höchst lästige Gebrüll?“
Natürlich können wir diese Frage hier nicht beantworten, wohl aber einige weitere dieser „Krachmacher“ näher vorstellen. Stützen wir uns dazu auf einen Beitrag, der in der Festausgabe des Naumburger Tageblattes zur 900-Jahrfeier veröffentlicht wurde.
Der Brezeljunge wurde schon erwähnt. Auch wenn es immer Männer waren, die „warr-me Br-äz“ und „warme weeche“ riefen, so wurden sie doch im Volksmund „Brezeljunge“ genannt. Zum Bier wurden die Brezeln gern genossen. Man aß auch gern die „warr-me Br-äz“ zum Kaffee, sie schmeckten mit Butter bestrichen vorzüglich. Es gab auch Schaumbrezeln und Pfannkuchenbrezeln, die schmeckten natürlich noch besser als die sogenannten Wasserbrezeln. Schmackhaft waren auch die Salzkuchen, die jeder Brezeljunge mit sich führte. Sie waren rund und reichlich groß und kosteten zwei Pfennige das Stück.
Die Leiterverkäufer, die ihre Waren in der Stadt anpriesen, stammten aus dem Holzland. Die Älteren unter uns werden sich noch an den letzten seiner Art erinnern, der einmal wöchentlich an der Thainburg seine Waren verkaufte. „Seine Vorfahren“ kamen mit Leiterwagen und brachten nicht nur große Leitern mit. Diese lagen zuunterst auf dem Wagen, dann kamen die Bohnenstangen, Wäschestützen, Hacken, Schneeschippen, Kuchenschieber, runde und rechteckige, Backmulden, Schubkarren und Treppenleitern. Ihr „Lockruf“ war „Lett, Lett, kooft!“. Sie brachten auch Kienspan mit, der mit „Ki-hn koft! Ki-hn!“ ausgerufen wurde.
Der Heidelbeermann rief seine Blaubeeren aus, welche die Naumburger als Heedelbeeren bezeichnen. Wenn sein „He-delbeer, Heedelbeer“ ertönte, fanden sich die Hausfrauen mit ihren Schüsseln ein und der Kauf wurde auf offener Straße getätigt. Dort ging es ja früher noch beschaulich zu, so dass der Handel in aller Ruhe vor sich gehen konnte. Der Heidelbeermann hatte immer blaue Hände und einen blauen Mund. Denn unterwegs, wenn er Durst hatte, nahm er Blaubeeren zum Durstlöschen. Dann zog er mit seinem Handwagen weiter. Dieser war mit einer weißen Plane versehen, die sich aber nach und nach ebenfalls blau färbte. Manche Verkäufer hatten das Ausmessen der gewünschten Menge mit solchem Schwung erlernt, das beim Einschöpfen der Beeren im Litermaß unten ein Hohlraum entstand und das Litermaß oder das halbe Liter daher viel weniger Beeren enthielten. Die Hausfrauen, die das merkten, protestierten ganz energisch. Der Heidelbeermann tat zwar beleidigt, schippte aber schnell noch eine kleine Zugabe in die Schüssel, um die Frauen zu beschwichtigen. Dann gab es zu Hause die sehr schmackhaften geschmorten Heidelbeeren mit Mehlklößen, ein beliebtes Mahl zu heißer Sommerzeit.
Früher gab es nicht so viele Arten von Schuhputzmitteln, es gab nicht die schönen bunten Schühchen, es gab keine Schuhcremes, ja man musste sich sogar die Stiefelwichse selbst fabrizieren. Da wurde dann oftmals auf den Rußbuttenmann gewartet. Denn aus dem Ruß, den dieser verkaufte, aus Sirup, Öl und Fetten, und anderen Ingredienzien wurde die Stiefelwichse zurecht gerührt. Sie roch manchmal gar nicht schlecht und wichste glänzend. Der Rußbuttenmann hatte eine Bürde auf dem Rücken, oder ein Reff, wie es auch genannt wurde. Darin waren die kleinen Holzfässchen eng aneinander gereiht aufgestapelt. Der Mann zog durch die Straßen und rief seine Ware aus: "Rußbutten kooft, kooft!". Die Butten hatten die Form von langgestreckten Fässchen. Um dem Boden und Deckel dieser kleinen Gefäße den nötigen Halt und die erforderliche Dichte beizubringen, mussten diese mit Kuhdreck bestrichen werden, der dann bald trocknete und festhielt und keinen Ruß durchsickern ließ. Beim Öffnen der kleinen Butte musste man sehr vorsichtig zu Werke gehen, sonst flogen die Dauben auseinander und der Ruß stiebte weit umher. Der Ruß stammte von den Köhlern des Thüringer Waldes, den diese sie beim Kohlenbrennen auffingen.
Da es auch früher jede Menge Ratten gab, so wurden Fallen bei den Rattenfallsmännern gekauft. Diese zogen vielfach zu Zweien oder Dreien durch die Straßen. Sie riefen in fremden Tonfall und seltsam gebrochenem Deutsch: „Rahdifall, Mausifall – Muth’r kaufe Se nix?“ Unmengen von Ratten- und Mausefallen hingen ihnen über den Rücken, außerdem führten sie auch blecherne Küchengeräte mit und boten sie zum Kaufe an. Die Rattenfallsmänner kamen meist aus Osteuropa und waren verwegene, doch meist gutmütige Gestalten.
Ein wichtiger Händler war auch der Balsenmann, der so nach dem "Balsam", dem Lebenselixier, dass er in schwungvollem Handel umsetzte, genannt wurde. Seine Essenzen und Tinkturen waren sehr begehrt und die meisten alten Leute ließen dies "Lebensöl" nicht ausgehen. Es half gegen alle Krankheiten und nicht nur bei Menschen, sondern auch beim lieben Vieh. Trotzdem die länglichen grünen Fläschchen, in denen der Lebenssaft verzapft wurde, mancherlei Aufschriften trugen, so wollte man wissen, das sie alle miteinander aus einer und derselben Ur- Bouteille stammten, so dass sie, wenn auch von einem Geist, sämtlichen Krankheiten und Gebrechen den Garaus machten. Seine Phiolen trug der Balzenmann auf dem Rücken in einem blau leinenen Sacke, der nur unten stramme Füllung zeigte, seitlich aber einen Schlitz aufwies zum hinein fassen. Neben dem Schlitz befanden sich auch noch Taschen, wo besondere Tinkturen aufbewahrt wurden. Die obere Hälfte des Sackes war leer, die wickelte oder drehte er mit der Hand zusammen. Dann hängte er den Sack über den Rücken.
Die Lumpensammler mit ihrem blauen Kittel und den langen silberglänzenden Querpfeifen, waren oft behäbige joviale Gestalten, die dem einfachen Instrument recht flotte Weisen entlockten und den Kindern Bilderchen spendeten. Es waren meist Auswärtige, die, den großen Sack auf dem Rücken, durch die Straßen zogen, sich durch ihre Stücklein bemerkbar und beliebt machten.
Nicht unerwähnt sollen hier noch folgende „Gestalten der Straße“ bleiben:
Die Quirlfrau führte außer Quirlen auch hölzerne Löffel, Reibekeulen, Schneidebretter und alle hölzernen Küchengeräte mit.
Die Mostrichfrauen durchzogen früher die Straßen mit einem Quersack aus blauem Linnen, in denen sich Mostrichbüchsen und -gläser befanden. Die geleerten Gläser wurden später als Trinkgläser benutzt.
Die Milchmänner versuchten mit stärkstem, alles „ertötenden“ Glockenton ihre Ware „an die Frau“ zu bringen, während Milchmädchen bescheiden und geräuschlos dahineilten.
Bei der Butterfrau konnte nicht nur Butter, sondern auch Buttermilch gekauft werden.
Die Scherenschleifer sammelten straßenweise Scheren und Messer ein, schärften sie an Ort und Stelle und zogen dann mit ihrem Karren zur nächsten Straße weiter.
In allen Schankwirtschaften machten früher die Würstchenmänner ein Bombengeschäft mit ihren Würstchen, das Paar 10 Pfennige, die größten 20 Pfennige. Dann gab es den Rettichsepp, dessen piekfeine Rettiche, trefflich gesalzen, einen ehrlichen Bierdurst erzeugen. Nebenher führte er aber auch Brezeln und andere schöne Sachen. Aber auch Frauen mit Salzkuchen, Bücklingen und einschlägigen Lebensmitteln hatten ihren Sitz in Schankwirtschaften. Man denke nur an den Thüringer Felsenkeller, wo lange Zeit außer Würstchen diese Genussmittel beim sonntäglichen Biergenuss unentbehrlich waren.
Und dann waren da die Straßenmusiker aller Art. Es gab gute und feine Leierkasten, manchmal auch mit Affen, die „Musik des armen Mannes“ darstellend, den Mann mit dem Dudelsack und mit der Pauke, der mit Händen und Füßen, selbst mit dem Kopfe vermittelst einer Schellenkappe musizierte, die Zigeuner, wie man sie damals noch nannte, mit ihrer Geige und Flöte, deren Frauen und Mädchen mit Tambourins. Die Bärenführer belebten mit dem tanzenden Bären die Straßen und verursachten Aufläufe. Sehr schöne und große Drehorgeln waren auch manchmal zu hören. Schließlich waren da noch die fahrenden Sänger, die durch Gesang, Gitarre, Zither, Flöte, Harfe und eigens konstruierte Instrumente oft gefühlvolle ergreifende Weisen zum Vortrag brachten und dafür reichlich mitleidige Herzen fanden, die solchen Vortrag und Sang belohnten.
Außer den Straßenmusikern sind die genannten Personen heute aus dem Straßenbild verschwunden. Dafür ertönt Verkehrslärm und das Kläffen von Hunden. Aber seit einigen Jahren ist auch eine neue Spezies zu sehen, die Smartphone-Menschen. Entweder sind sie so vertieft in dieses Gerät, das man ihnen ausweichen muss, um nicht angerempelt zu werden, oder sie geben laut und ungeniert Informationen von sich, die keiner hören will.