70 Jahre Foto-Becker

21. März 2025

Sich siebzig Jahre am Markt zu behaupten, das ist schon eine gewaltige Leistung, die drei Generationen der Familie Becker, in Naumburg bekannt als Foto-Becker, vollbracht haben. Und so kann am 1. April dieses Jahres das 70jährige Geschäftsjubiläum gefeiert werden.

Doch eigentlich beginnt die erfolgreiche Geschichte nicht 1955 sondern schon früher. Erich Becker, der Urgroßvater des heutigen Inhabers Wolfram Becker, der kürzlich auch seinen 50. Geburtstag beging, betrieb in der Jakobsstraße seit 1930 die Drogerie Oskar Toepfer. Zu dieser Drogerie gehörte auch eine kleine Fotoabteilung. Erich Beckers Sohn, der 1917 in der Bürgergartenstraße 22 geborene Hans-Martin Becker hatte nach seiner Schulzeit am Domgymnasium von 1935 bis 1938 in einer Fotodrogerie in Weißenfels den Beruf des Drogisten und das Fotografenhandwerk erlernt. Und so war es nur folgerichtig, dass er die Verantwortung für die „Foto-Ecke“ in der väterlichen Drogerie übertragen bekam. Nebenher unterrichtete Hans-Martin Becker nach dem Krieg an der Berufsschule eine Zeit lang auch angehende Drogisten.

Schon frühzeitig interessierte sich Hans-Martin für die Farbfotografie und machte sich Gedanken über die Entwicklung von Farbfilmen und die dafür notwendigen Gerätschaften. Nur war es damals um die Verfügbarkeit solcher Materialien schlecht bestellt. Hoffnung kam auf, als der Ministerrat der DDR anordnete, in fünf Städten des Landes Kopieranstalten für farbige Papierbilder einzurichten. Die technischen Pionierleistungen von Agfa in Wolfen aus der Vorkriegszeit waren dafür von grundlegender Bedeutung, weshalb Becker 1953 versuchte, von dort eine Lizenz zur Bearbeitung von Farbfilmen zu erhalten. Von der Absage, die er bekam, ließ er sich nicht entmutigen und experimentierte weiter mit Farbfilmen. „Die Ergebnisse waren mal blau, mal gelb, mal grün“, erzählte er später einmal, „aber Hauptsache, es war überhaupt Farbe da.“ Ein halbes Jahr nach der Absage nahm die Wolfener Filmfabrik überraschend Kontakt auf und lud Hans-Martin Becker nach Wolfen ein. Gemeinsam mit 15 anderen privaten Bewerbern aus Ostdeutschland wurde er dort 1954 in die „Geheimnisse“ der Farbfotografie eingewiesen und erhielt die ersehnte Lizenz. Diese beinhaltete den Kauf entsprechender Geräte und die Verpflichtung, wöchentlich Teststreifen nach Wolfen zu schicken. Damit war die Grundlage geschaffen, dass er sich am 1. April 1955 als Fotografenmeister mit seinem Geschäft Foto-Becker selbständig machen konnte. Zunächst befand sich das Geschäft noch in der Drogerie seines Vaters in der Jakobsstraße 30, wo er mit einer 15-Liter-Anlage in drei Stunden vier Filme entwickeln konnte. Die Drogerie existierte noch bis 1960, dann mussten Beckers die Räume für die HO frei machen, die dort einen Farben- und Tapetenladen aufmachte, der bis 1989 existierte.

Hans-Martin Becker zog in ein kleines Geschäft in der Marienstraße 39 um und nannte sein Geschäft nun Farblabor Becker. Mit einer nach seinen Vorstellungen von einer Jenaer Firma gebauten 35-Liter-Anlage schaffte er es, 100 Filme in einer Stunde zu bearbeiten. Ohne die Hilfe seiner Ehefrau Helga, wäre das nicht möglich gewesen. Viele Jahre war er der einzige Selbstständige dieser Branche im heutigen Sachsen-Anhalt. Schließlich kam es soweit, dass die Filmfabrik Wolfen Leute zu ihm schickte, um sich bei ihm Anregungen zu holen und Erfahrungen zu Nutze zu machen.

Per Post kamen säckeweise Filme aus der gesamten DDR, vorwiegend aber aus den Südbezirken und dem Bezirk Halle. Vor Ort konnten die Kunden ihre Filme auch abgeben oder Tag und Nacht durch einen Briefkastenschlitz in der Ladentür einwerfen. In der Urlaubssaison waren das mitunter hunderte, die sich im Flur hinter dem Briefkastenschlitz stapelten, so dass sich die Ladentür nur noch schwer öffnen ließ.
Im Labor, das sich im Hinterhaus des Geschäfts in der Marienstraße befand, waren zahlreiche Arbeitsgänge notwendig, um die Fotoabzüge herzustellen. Dort befanden sich unter anderem 30 Großtanks für Flüssigkeiten. In Spitzenzeiten wurden ca. 200 Liter Wasser pro Minute verbraucht. Zwar kostete die Entwicklung eines Films nur 2,50 Mark, aber der Abzug eines Fotos im Format 7 x 10 Zentimeter drei Mark. Das war für den Durchschnittsbürger damals purer Luxus, weshalb auch viele Farbdias und Schwarz-Weiß-Fotos, die wesentlich günstiger waren, hergestellt wurden.

Nur mit außergewöhnlicher Einsatzbereitschaft war es möglich, den selbst gestellten Anspruch zu erfüllen, die Wartezeit für die Entwicklung der Filme und die Abzüge der Bilder auf eine Woche zu begrenzen. Dieser enorme Aufwand forderte seinen Tribut, die sich verschlechternde Gesundheit von Hans-Martin Becker gebot ihm Anfang 1980, seine Tätigkeit zu beenden. Was aber sollte aus dem Familienbetrieb werden?

Aufgeben oder übernehmen, diese Frage stand vor Hans-Martin Beckers Sohn, Dr.-Ing. Matthias Becker. Der 1948 in der Jakobsstraße Geborene hatte nach dem Abitur an der Naumburger Erweiterten Oberschule ein Studium der Kartografie und Geodäsie an der Technischen Universität in Dresden absolviert und auf diesem Gebiet 1975 promoviert. Zum Studium gehörte auch eine gründliche fotografische Ausbildung, weil Reproduktionstechnik und Luftbildauswertung für „Landkartenmacher“ unabdingbar sind. Er brachte also alle Voraussetzungen für die Übernahme des Geschäfts mit und entschied sich, nach sechs Jahren Arbeit bei Carl Zeiss Jena im Bereich der elektronischen Datenverarbeitung den Familienbetrieb ab 1. April 1980 weiterzuführen. Nicht jeder von Matthias Beckers Kollegen war mit dieser Entscheidung einverstanden. Er erinnert sich an das Wort „Gesinnungslump“, womit er belegt wurde, weil er, der auf Staatskosten studiert und promoviert hatte, nun plötzlich „Kapitalist“ werden wollte. Doch er blieb bei seiner Entscheidung. Rückblickend äußerte er: „Durch das Beispiel des Vaters hatte mich natürlich schon als Junge die Begeisterung für die Fotografie gepackt. Sie war ein Bestandteil meines Studiums, so dass ich auch die Befähigung, das Geschäft zu führen, nachweisen konnte. Es war ein langer Instanzenweg, um es übernehmen zu dürfen, und schwierig genug, es in Zeiten der Planwirtschaft zu halten.“ Von seinem Vater übernahm er nicht nur das Geschäft, sondern auch die Zusammenarbeit mit dem VEB Filmfabrik Wolfen. Regelmäßig wurden mittels Teststreifen in Wolfen Farbtoleranzgrenzen gemessen und bewertet, kamen Mitarbeiter des Kombinats auch nach Naumburg, um strenge Qualitätskontrollen durchzuführen. Da die Qualität der Arbeit stets vor der Quantität rangierte, gab es nie ernsthafte Beanstandungen. Bald waren es täglich bis zu 300 Filme, die – bei absoluter Dunkelheit – durch 13 Bäder- und Wassertanks wandern, ehe sie entwickelt waren. Ohne Mithilfe seiner Eltern und seiner Ehefrau Gisela wäre das nicht zu machen gewesen. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass sich Matthias Becker auch in Sachen Sekundärrohstoffe engagierte. Er suchte und fand im Zeitzer SERO-Kombinat einen Abholer für die jährlich anfallenden rund 1000 Liter Fixierbad, von dem jeder Liter drei bis fünf Gramm Silber enthält. Auch die leeren Filmspulen wurden gesammelt und nach Halle gebracht, wo sie die PGH des Blindenhandwerks regenerierte.

1989 kam dann die politische Wende. Den Einstieg in die freie Marktwirtschaft musste Matthias Becker teuer bezahlen. Von früher war er gewohnt, immer mindestens dreimal so viel zu bestellen als benötigt wurde, weil sowieso nur ein Drittel der bestellten Menge geliefert wurde. Plötzlich saß er auf einem Haufen Fotopapier, das er gar nicht brauchte. Schließlich musste er das teuer bezahlte Papier auf eigene Kosten entsorgen.

Nach der Wende wollte Familie Becker den Laden in der Jakobsstraße wieder zurückhaben. Besonders Beckers Mutter und seine Ehefrau entwickelten gegenüber den zuständigen Behörden einen gehörigen Druck. „Es geht mir mit meiner Frau so wie dem Vater mit meiner Mutter. Die Ehefrauen sind in einem Familienbetrieb von unschätzbarem Wert“, schätzt Matthias Becker rückblickend ein. Die Rückübertragung gelang und am 31. August 1990 wurde am alten Ort das moderne Fotofachgeschäft mit Fotostudio eröffnet. Damit wurde aus dem Farblabor Becker wieder Foto-Becker. Noch im gleichen Jahr wurde Becker als einer der ersten fünf Foto-Betriebe der ehemaligen DDR Mitglied der Handels-Kooperation Ringfoto, der größten fotografischen Liefergenossenschaft Europas.

Zur Neueröffnung des Geschäfts hatte bereits neueste Technik Einzug gehalten, da die nun verfügbaren Filme moderne Verarbeitungsprozesse und entsprechende Technik erforderten. Ein Minilabor zur automatischen Bearbeitung von Filmen und Papierbildern ermöglichte es, innerhalb einer Stunde Bilder fertigzustellen und das völlig wasserlos, wodurch keine Umweltbelastungen mehr entstehen. „Schnelle Uta“ wurde das Gerät liebevoll getauft.
Die neue Zeit stellte das Unternehmen vor neue Herausforderungen. Filme entwickeln usw. war nur ein Standbein. Dazu kam der Handel mit fotografischer Gerätetechnik, Filmmaterial und Zubehör. Das geschäftliche Handeln musste permanent darauf gerichtet sein, als Dienstleister günstiger und schneller als andere am Markt zu sein und zu expandieren.
Als Auftragnehmer für ein westdeutsches Großlabor und die Allkauf-Handelskette wurde der Laden in der Marienstraße parallel weiter geführt und die noch im Umlauf befindlichen Orwo-Filme entwickelt. Doch die stets zunehmenden Wasserpreise waren nach zwei Jahren nicht mehr zu stemmen, weshalb Becker diese Filiale „sanft entschlafen“ ließ. Auch ein anderes Projekt ging schief. Im neuen Extra-Markt am Ostbahnhof wurde im Dezember 1991 eine neue Filiale auf einer Fläche von 20 m² eröffnet, die man nur drei Jahre halten konnte, weil, wie Becker begründete, „wir falsch beraten wurden“. Danach konzentrierte er sich zunächst voll auf das Geschäft in der Jakobsstraße und baute es mit Verkauf und Studio weiter aus.

Inzwischen war die nächste Generation in der Familie herangewachsen. Matthias Beckers ältester Sohn Wolfram, 1975 geboren, war das Fotografieren gewissermaßen in die Wiege gelegt worden. Nach dem Abitur studierte er in Frankfurt/Main an einer Fachhochschule Betriebswirtschaftlehre und ließ sich zwei Jahre in einem Fotografengeschäft in Rüsselsheim zum Einzelhandelskaufmann ausbilden. Wie so viele junge Leute in der damaligen Zeit stand er schließlich vor der Entscheidung, im „goldenen“ Westen zu bleiben oder in den Osten zurückzukehren. Er wählte das elterliche Geschäft und wurde 2002 als Dipl. Betriebswirt BA zu gleichen Teilen mit seinem Vater Gesellschafter der mittlerweile entstandenen Ringfoto-Becker GmbH.

Die weitere Entwicklung des Unternehmens war geprägt durch die grundlegenden Wandlungen, die sich in der Fotografie und der Kommunikationstechnik vollzogen. Der Übergang zur digitalen Fotografie und die neuen Möglichkeiten, die Internet und Smartphone boten, waren die neuen Herausforderungen. Dazu kamen neue Mitbewerber auf dem Markt, wie „übermächtige“ Großmärkte, Drogerieketten und der Internethandel.
Die beiden Beckers nahmen die Herausforderungen an und übernahmen die Photo-Porst-Filiale im Einkaufszentrum „Schöne Aussicht“ in Leißling, womit auch der neue Geschäftsbereich Telekommunikation entstand. Die Anstrengungen fanden Anerkennung, 2007 wurde die Ringfoto-Becker GmbH als eine der zehn besten Geschäfte Deutschlands zum Flagship-Partner der Ringfoto-Gruppe ernannt. Während Sohn Wolfram, der mittlerweile Geschäftsführer des Unternehmens geworden war, sich vorwiegend um die Belange der Filiale kümmerte, leitete Vater Matthias weiter die Geschicke im Geschäft in der Naumburger Jakobsstraße. Das konnten die beiden natürlich nicht allein bewältigen, zeitweilig beschäftigte das Unternehmen 14 Mitarbeiter. Als 2012 der Mietvertrag auslief, entschied man sich die Filiale in Leißling zu schließen.

Seit Matthias Becker in den offiziellen „Ruhestand“ ging, betreibt sein Sohn Wolfram das Traditionsgeschäft der Familie ohne ihn weiter. Auch jetzt bewahrheitet sich, was schon sein Vater erkannte, ohne Mitarbeit seiner Ehefrau Jacqueline ist die Arbeit nicht zu bewältigen.
So wie die Digitalfotografie und die Telekommunikation durch die immer stärkere Verbreitung der „Handys“ und deren technischen Möglichkeiten zusammenwuchs, verschoben sich auch die Schwerpunkte der Tätigkeit des Unternehmens. Der Vertrieb von Smartphones nimmt einen immer größeren Geschäftsanteil ein und das klassische Fotogeschäft wird vor allem durch hochwertige Atelieraufnahmen und aufwendige Bildbearbeitung am Computer geprägt.

Um noch bessere Voraussetzungen dafür zu schaffen, wurde weiter in den traditionellen Standort Jakobsstraße investiert. 2012 entfernte man ein im hinteren Teil des Grundstücks befindliches Lagerhaus und schuf damit Platz für ein Freiluftatelier, das die Möglichkeiten für Aufnahmen größerer Gruppen oder Aufnahmen mit Spezialeffekten, wie z. B. Wassershooting bietet. Seit 2015 wird die Fläche am ersten Advent auch im Rahmen der Veranstaltung „Weihnachtliches in den Höfen“ genutzt, der „Fotohof Becker“ ist dabei stets gut besucht. Auch im Haus gab es Veränderungen, durch einen Umbau konnte 2016 die Fläche des Studios verdoppelt werden.

Die langjährige Erfahrung in dem Geschäftsfeld und die daraus resultierende Kompetenz sowie die geduldige und freundliche Beratung garantiert dem Unternehmen sicher noch einen langen erfolgreichen Weg.

 

Der Dank des Autors gilt Matthias und Wolfram Becker für die Bereitstellung der Bilder.

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