Das Lehrerseminar, eine Episode in der Naumburger Schulgeschichte

25. März 2026

Der allseits bekannte Lehrermangel ist keine Erscheinung der heutigen Zeit, es gab ihn auch schon früher. So waren z. B. Ende 1904 im Regierungsbezirk Merseburg 119 Lehrerstellen nicht besetzt. Warum war das so und wie wurde man früher eigentlich Lehrer?

Im 18. Jahrhundert kamen als Dorfschullehrer häufig der Küster, Handwerker oder ehemalige Soldaten zum Einsatz, die das Unterrichten bei einem erfahrenen „Schulmeister“ lernten. An Kloster- und Stadtschulen dagegen unterrichteten überwiegend Geistliche oder gelehrte Bürger, die eine Lateinschule besucht oder ein Universitätsstudium absolviert hatten, aber keine spezielle pädagogische Ausbildung besaßen.
Damals gingen längst nicht alle Kinder in eine Schule. In Preußen waren eigentlich seit dem Generallandschulreglement von 1763 alle im Alter von 5 bis 12 Jahren verpflichtet, eine Schule zu besuchen. Doch noch 1816 waren gerade einmal 60 % der Kinder an einer öffentlichen Schule registriert. In Bayern wurde erst 1802 eine sechsjährige gesetzliche Unterrichtspflicht durchgesetzt, in Sachsen mit dem Elementar-Volksschulgesetz von 1835 eine achtjährige Volksschulpflicht.
Wie man sieht, begann man also mit Beginn des 19. Jahrhunderts mehr Wert auf schulische Bildung zu legen. Allerdings baute man das Schulsystem zweigeteilt aus. Auf der einen Seite das Volksschulwesen, mit dem Ziel, „gehorsame und gottesfürchtige Untertanen hervorzubringen“, dessen Lehrpläne ganz bewusst auf Minimalstandards beschränkt wurden. Und auf der anderen Seite Gymnasien, mit dem Ziel, die „zukünftigen gesellschaftlichen Eliten zu bilden“, deren Lehrpläne auf den alten "Bildungssprachen" Latein und Griechisch aufgebaut waren.

Die Einführung der Schulpflicht hatte zunehmende Schülerzahlen zur Folge, woraus sich für das Volksschulwesen ein wachsender Bedarf nach systematischer Ausbildung von Volksschullehrern ergab. Schon im 18. Jahrhundert hatte es erste Ansätze für Einrichtungen zur Ausbildung von Lehrern für Elementarschulen, sog. Lehrerseminare gegeben. Dazu gehörte auch ein solches in Weißenfels, welches am 5. Mai 1794 als zweites in Sachsen eröffnet wurde und bis 1925 bestand. Ab Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das System der Lehrerseminare planmäßig ausgebaut.Bis 1871 stieg die Zahl der Lehrerseminare in Preußen von 15 auf 81 Einrichtungen an, um den Bedarf an Lehrern zu decken. Gegen Ende des Jahrhunderts war die seminaristische Ausbildung in vielen Regionen Voraussetzung für eine Stelle als Volksschullehrer, wodurch eine relativ einheitliche, staatlich kontrollierte Lehrerqualität erreicht wurde.
Die Ausbildung erfolgte in zwei Stufen. In der ersten Stufe, die unmittelbar nach dem Ende der Volks- bzw. Mittelschule begann, war eine sog. Präparandenanstalt zur Vorbereitung auf den Besuch des Lehrerseminars zu absolvieren. Danach erfolgte als zweite Stufe das zwei- bis dreijährige Lehrerseminar, in dem die zukünftigen Volksschullehrer fachlich, pädagogisch und praktisch auf den Unterrichtsberuf vorbereitet wurden. An sog. Übungsschulen fanden unter Leitung und Aufsicht eines Lehrers Übungsstunden und Lehrproben statt. Nach einer erfolgreichen Abschlussprüfung folgten noch Probejahre.

Für Städte war es lukrativ, Lehrerseminare anzusiedeln, weil diese als kulturelle Zentren, Arbeitgeber und Träger eines gebildeten Milieus galten. Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich auch Naumburg um die Etablierung eines solchen bemühte. Emil Kraatz, ein früherer Naumburger Oberbürgermeister berichtet in seinem Buch „Aus dem Leben eines Bürgermeisters“ vom Jahre 1906: „Als bekannt wurde, dass der Staat, um den Lehrermangel zu beseitigen, weitere Seminare zu errichten beabsichtigte, suchte ich die Aufmerksamkeit des Herrn Oberpräsidenten auch auf Naumburg zu lenken. Die Lage der Stadt ist ja auch zweifellos geeignet, und so war es denn auch, dass meine Bemühungen von Erfolg begleitet waren. Am 31. Oktober 1906 teilte mir das Königliche Provinzial-Schulkollegium mit, dass der Herr Minister es beauftragt habe, durch vertrauliche Verhandlungen mit mir die Möglichkeit der Unterbringung eines Lehrerseminars und einer Präparandenanstalt in Naumburg zu erörtern.“

Der Staat stellte folgende Bedingungen für die Errichtung des Seminars: „die Stadt baut und vermietet dem Fiskus die erforderlichen Räume gegen 5.000 Mk. Miete, die Stadt übernimmt die Unterhaltung und der Staat die Beschulung von ca. 230 Kindern der Stadt unentgeltlich.“ Obwohl die Verhandlungen über die gestellten Bedingungen gerade erst begonnen hatten, erließ das Königliche Provinzial-Schul-Kollegium in Magdeburg schon am 8. Januar 1907 folgende Bekanntmachung: „Es wird beabsichtigt, zu Ostern d. J. in Naumburg eine Seminar-Präparanden-Anstalt zunächst mit einer dritten Klasse zu eröffnen. Schulgeld, Unterstützungen und Unterhaltungskosten werden etwa dieselben sein wie in Weißenfels. Die Aufnahmeprüfung wird am 9. März in Naumburg in einem noch näher zu bezeichnenden Lokal stattfinden. Anmeldungen sind an den Herrn Seminarlehrer Költzsch in Weißenfels zu richten. … Aufnehmbar sind Knaben, die bis Ostern, spätestens bis zum 1. Juli 1907 das 14. Lebensjahr vollendet haben werden.“

Erst eine Woche später teilte dann das Provinzial-Schulkollegium formell dem Magistrat der Stadt Naumburg mit, dass ein Schullehrerseminar und eine Seminar-Präparandenanstalt in Naumburg errichtet werden solle und überreichte drei Vertragsentwürfe: a) einen Vertrag über den Bau des Seminars, b) einen Vertrag über die Anmietung von Räumen zur vorläufigen Unterbringung der Seminaristen im Schulhaus an der Schulstraße und c) einen Vertrag über die Stellung der für eine sechsklassige Übungsschule und einer Prüfungsklasse erforderlichen Kinder. Der Magistrat genehmigte die Verträge, deren Dauer auf 30 Jahre festgelegt wurde, und legte die Sache am 26. Januar 1907 der Stadtverordnetenversammlung vor. Diese behandelte am 15. Februar 1907 erstmalig das Thema und beschloss einstimmig, nur den unter b) genannten Mietvertrag gegen eine Jahresmiete von 800 Mark zu genehmigen. Zur Feststellung der Bedingungen für die Errichtung eines Seminar-Neubaues wurde der Magistrat beauftragt, weiter zu verhandeln.

Wer da glaubte, dass diese Verhandlungen schnell abgeschlossen sein würden, sah sich getäuscht. Da half auch nicht, dass ein Regierungsvertreter vor den Stadtverordneten einen längeren erläuternden Vortrag hielt. Immerhin erfuhr man aus der Zeitung, das das „hier zu errichtende Seminar nebst Präparandenanstalt zu drei Klassen mit zunächst 30, dann aber aufsteigend bis gegen 200 Schülern eingerichtet werden soll und am Seminar sieben, an der Präparande drei Lehrkräfte im Hauptamt beschäftigt werden.“ Der Regierungsvertreter appellierte an die Stadtverordneten, dass sie in den Verhandlungen vom Staat „nichts Unmögliches und Unerreichbares erwarten und verlangen sollen; es handelt sich um ein Werk, das viele Jahrzehnte bestehen soll und woraus der Stadt dauernder Segen erwachsen wird.“
In den Verhandlungen ging es u. a. um die Baukosten, Straßenherstellungskosten, bauliche Unterhaltungskosten, das Wassergeld, die Kanalgebühren, die Kosten der Reinigung der Schonsteine, der Aborte und Müllgruben. Weiter wurde diskutiert, wie viel die Stadt spart, wenn ein Teil der sonst den städtischen Schulen zufallenden Kinder in die Übungsschule des Seminars eingeschult werden, ob ein Internat für die Seminarteilnehmer gebaut werden solle, wer die Bauleitung übernimmt, wie hoch alle Vorleistungen zu verzinsen sind usw. Als Standort für das neu zu erbauende Seminargebäude war zunächst der Spechsart vorgesehen, da sich aber „auf dem Spechsart Grunderwerbsschwierigkeiten“ ergaben, einigte man sich schließlich auf einen Bauplatz „in der Gegend bei der Eckartstraße“.

Inzwischen“, so schreibt Kraatz in seinem Buch, „war das Seminar selbst langsam ins Leben getreten. Am 1. April 1907 wurde der Seminaroberlehrer Schlichting zum Seminardirigenten bzw. Präparandenanstaltsvorsteher berufen. Beide Anstalten, Seminar wie Präparande, bestanden im ersten Jahr 1907 aus je einer Klasse. Die Stadt Naumburg gab zur Unterbringung der beiden Anstalten fünf besondere Räume als Klassen-, Musik-, Lehrer- und Amtszimmer des Dirigenten im Schulhaus an der Schulstraße her, sie gestattete die Mitbenutzung der Aula, der Turnhalle und des Zeichensaales. Am 22. August 1907 ist der Unterricht nach einer kurzen Feier in der Aula der gehobenen Bürgerschule eröffnet worden.“

Da es bis Anfang September 1908 immer noch keine Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung zu dem Vertragswerk über den Bau eines neuen Seminargebäudes gegeben hatte, beriefen besorgte Bürger eine Versammlung ein. Im voll besetzten Ratskellersaal brachten sie im Hinblick auf die kurz bevorstehende „endgültige Entscheidung über die für unsere Stadt so außerordentlich wichtige Seminarfrage“ ihre Sorge zum Ausdruck, dass das Projekt nicht realisiert werden würde. Einstimmig verfassten sie eine Resolution, in der die Stadtverordneten aufgefordert worden, dem Seminarbau zuzustimmen.
Am 10. September 1908 fand dann die entscheidende Stadtverordnetenversammlung statt. Auch wenn ein Abgeordneter erklärte, dass er sich nicht von einer Bürgerversammlung beeinflussen lasse, stimmten bis auf sechs Abgeordnete, die sich der Stimme enthielten, alle Stadtverordneten für die Vorlage zum Bau des Seminargebäudes. Allerdings nicht, ohne noch eine Bedingung zu formulieren: „Der Staat übernimmt die Bauausführung und fordert und erhält dafür einschl. Bauleitung und Abrechnung nicht mehr als 325.000 Mark.“

Am 5. Januar 1909 wurde die Übungsschule für die praktische Ausbildung der Seminaristen aus drei Klassen der Knabenvolksschule, die in der Georgenschule untergebracht waren, eröffnet. Das Seminar und die Präparandenanstalt erreichten zu Beginn des Schuljahres 1909/10 bereits mit je drei Klassen ihre Endausbaustufe. Am Schluss des Schuljahres konnten erstmalig nach abgelegter Prüfung 26 Seminaristen als Lehramtskandidaten von der Anstalt entlassen werden.

Doch noch immer gab es für die Lehrerausbildung kein eigenes Gebäude. Erst im Frühjahr 1909 wurden die Arbeiten für den Neubau aufgenommen und gingen dann aber zügig voran, auch in Folge der günstigen Witterung im Winter 1909/10. Der ursprüngliche Fertigstellungstermin, 1. April 1910, konnte aber nicht gehalten werden. Doch am 19. Oktober 1910 war es dann soweit, mit einer „würdigen und für alle Teilnehmer gewiss unvergesslichen Feier“ erfolgte die Einweihung des Neubaus. Nach zahlreichen Reden und div. Ordensverleihungen „zerstreute sich die Versammlung und durchwanderte die behaglich durchwärmten Räume, die in musterhafter Ordnung mit allen ihren neuen Einrichtungen der Besichtigung offen standen.“ Den Abschluss des Festtages bildete ein Fackelzug der Seminaristen und Präparanden am Abend.

Lehrerseminar
Anfang 1911 wurde die Seminar-Übungsschule um drei weitere Klassen auf die geplanten sechs aufsteigenden Klassen erweitert.

Der oben schon zitierte Geh. Ober-Regierungsrat Altmann, der 1907 versucht hatte, die Stadtverordneten zu einem zügigen Vertragsabschluss zu bewegen und dabei vom Seminar als einem „Werk, das viele Jahrzehnte bestehen soll“ gesprochen hatte, behielt mit dieser Aussage nicht recht. Ein „Ministererlass vom 6. Februar 1925“ ordnete im Zuge einer umfassenden Schul- und Lehrerbildungsreform die Auflösung der Lehrerseminare und Präparandenanstalten zu Ostern 1925 an. Die bisherige stark praxisbezogene Ausbildung zum Lehrer ohne Abitur wurde damit abgeschafft. Stattdessen baute man Pädagogische Akademien auf, für deren Besuch das Abitur eine Zugangsvoraussetzung war.
Mit der Entlassung des letzten Jahrgangs wurde das Seminar am 16. März 1926 geschlossen. Auf der Abschlussfeier hieß es: „Das Seminar hört jetzt auf zu sein, aber von den 437 Lehrern, die hier ausgebildet wurden, wird noch nach Jahrzehnten die Erinnerung an diese Anstalt bewahrt werden.“ Jetzt, 100 Jahre später, erinnert allerdings nur noch ein Straßenname an diese Episode der Naumburger Schulgeschichte.

Was wurde nun aus dem noch „fast neuem“ Schulgebäude? Pläne, das Domgymnasium dort unterzubringen scheiterten ebenso, wie der vom Magistrat 1928 unternommene Versuch, in dem seit Ostern 1926 leerstehenden Gebäude ein kirchliches Seminar einzurichten.
Ab ca. 1928 wurde hier ein Teil der Volksschule für Mädchen, nach deren Teilung die 3. Volksschule, untergebracht. Ab 1933 hatte dann die Mittelschule für Knaben und Mädchen hier ihren Sitz, sowie ab 1937 auch die in die Hans-Schemm-Schule (ehemalige 3. Volksschule für Mädchen) eingegliederte Pestalozzi-Schule. Diesen Schulen folgte im 2. Weltkrieg ein deutsches Lazarett, nach Kriegsende ein amerikanisches.
Nach dem Abzug der Amerikaner befand sich in dem Gebäude kurzzeitig das Wirtschaftsamt der Stadt, anschließend wurde es von der sowjetische Besatzungsmacht bis 1952 als Lazarett genutzt. Dem Lazarett folgte die 6. Grundschule, aus der 1959 die 6. Oberschule hervorging, die 1968 den Namen Karl-Marx-Oberschule erhielt. 1991 wurde das neu gebildete Gymnasium II hier untergebracht, welches am 9. Mai 1992 den Namen Domgymnasium erhielt. 2004 fusionierten das Dom- mit dem Lepsius-Gymnasium und durch Nutzung der früheren Marienschule wurde das alte Seminargebäude bis 2007 frei. Danach zogen die Musik- und Volkshochschule des Burgenlandkreises ein.

Der Dank des Autors gilt Frank Minner für die Überlassung eines Bildes der Ansichtskarte von 1911 und Heidi Körner für Informationen zur Schulentwicklung nach 1945.