180 Jahre Turnunterricht in Naumburg, wie alles begann
20. August 2026
Nicht wenige Menschen haben heutzutage erkannt, dass regelmäßige Bewegung für die Erhaltung ihrer Gesundheit eine wesentliche Rolle spielt.
Sportliche Aktivitäten beeinflussen nicht nur den Körper positiv, sondern fördern auch die seelische Ausgeglichenheit. Früher, als noch ein wesentlich größerer Anteil der Bevölkerung als heute täglich körperlich aktiv sein musste, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wäre wohl kaum jemand auf die Idee gekommen, eine Stunde zu joggen, Rad zu fahren o. ä. Wie kamen die Menschen nun eigentlich auf die Idee, sich für ihre Gesundheit mehr oder weniger regelmäßig zu „schinden“? Darauf gibt es sicherlich keine einfache Antwort, aber ein wenig hängt das auch mit Friedrich Ludwig Jahn zusammen, der heute häufig als „Turnvater“ bezeichnet wird. Jahn, 1778 geboren, verschlug es 1803 als Privatlehrer nach Neubrandenburg. Der dortige Pastor an der Marienkirche, Franz Christian Boll, hatte schon einige Jahre vorher propagiert, dass der Mangel an „Bewegung bei den mehrsten Menschen Schwäche, Krankheiten und einen früheren Tod zur Folge“ habe und deshalb gymnastische Übungen vorgeschlagen, „die am besten beim Genuss der freien Luft und dem erheiternden Anblick der Natur“ gelingen würden. Vielleicht davon beeinflusst, begann Jahn mit einigen Privatschülern Turnübungen durchzuführen, zunächst mit dem Ziel, Körper und Charakter zu bilden, die physische und moralische Kraft zu stärken und den Gemeinschaftssinn zu fördern. Inspiriert von Christoph Friedrich GutsMuths wurden für die Übungen später auch Turngeräte verwendet. Als Jahn 1810 als Hilfslehrer nach Berlin kam, ließ er in der Hasenheide bei Berlin einen Turnplatz erbauen, auf dem 1811 seine erste öffentliche Turnveranstaltung stattfand, die man heute als Beginn der deutschen Sportbewegung wertet.
In dieser Zeit der napoleonischen Fremdherrschaft stand im Mittelpunkt von Jahns Bemühungen um das Turnen allerdings nicht so sehr die Gesundheitsförderung der Jugend, sondern die Wehrertüchtigung der jungen Männer für den Kampf gegen die Besatzungsmacht, aber danach auch zum Kampf für die Überwindung der Kleinstaaterei und damit für einen deutschen Nationalstaat. Jahn befand sich damit nach 1815 im Einklang mit der national gesinnten Studentenbewegung, der Jenaer Burschenschaft.
Diese Bestrebungen widersprachen natürlich den Interessen der herrschenden Fürsten. Als 1819 durch einen radikalen Burschenschafter und Anhänger der Turnerbewegung der Schriftsteller und Publizist August von Kotzebue (auch Autor des Schauspiels „Die Hussiten vor Naumburg im Jahr 1432“) ermordet wurde, war das ein willkommener Anlass, dagegen vorzugehen. Im böhmischen Karlsbad beschlossen die Fürsten 1819 Maßnahmen zur Unterdrückung der neuen Ideen. Dazu gehörten u. a. das Verbot der Burschenschaften und die Schließung der Turnplätze. Anfang 1820 wurden in Preußen jegliche Leibesübungen in der Öffentlichkeit untersagt sowie alle Turnvereine verboten und damit eine vollständige sog. „Turnsperre“ angeordnet, der sich fast alle anderen deutschen Fürsten anschlossen. Weitere Maßnahmen waren die Unterdrückung der öffentlichen politischen Meinungsäußerung, die Überwachung der Universitäten, eine Zensur von Büchern usw. und die Erteilung von Berufsverboten für Professoren. Sogenannte „Demagogen“, wozu man auch Jahn zählte, wurden verfolgt. Im Sommer 1819 wurde Jahn verhaftet und saß über fünf Jahre in Festungshaft. 1825 freigelassen, durfte er seinen Wohnsitz nicht mehr in Universitätsstädten nehmen und kam so nach Freyburg. Erst 1840 wurde er hier amnestiert.
Die angeordnete „Turnsperre“ bestand mehr als zwei Jahrzehnte, bis sie 1842, zwei Jahre nach dem Amtsantritt des neuen preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., aufgehoben wurde. Fortan sollten Leibesübungen allein der Leibesertüchtigung dienen, um für das Vaterland tüchtige Söhne zu erziehen. In seiner Order heißt es: „Da nun die Gymnastik, wenn von ihr alles entfernt gehalten wird, was die physischen und insbesondere die moralischen Nachteile des früheren Turnwesens herbei geführt hat, besonders geeignet erscheint, die Erreichung des angegebenen Zieles zu befördern, so genehmige ich, dass die Leibesübungen als ein notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil der männlichen Erziehung förmlich anerkannt und in den Kreis der Volkserziehungsmittel aufgenommen werden.“ Das galt wohlgemerkt nur für die männliche Jugend, genauer gesagt für die in den Städten lebende, denn die von klein auf in der Landwirtschaft schuftenden Kinder und Jugendlichen hatten sicherlich kein Bedürfnis, sich in ihrer raren Freizeit zusätzlich körperlich zu betätigen.
Um das Ganze zu befördern, berief das preußische Ministerium Hans Ferdinand Massmann, einen früheren Lieblingsschüler Jahns nach Berlin und übertrug ihm die Organisation des Turnunterrichts.
Das Ende der „Turnsperre“ hatte zur Folge, dass neue Turnplätze entstanden, sich allerlei Vereine für Leibesertüchtigung gründeten und Turnhallen gebaut wurden. Auch an Naumburg ging die Entwicklung nicht vorbei. Da schon ab 1837 Leibesübungen an Gymnasien wieder gestattet waren, verwundert es nicht, dass am Naumburger Domgymnasium, wie der langjährige Direktor Bruno Kaiser berichtete, bereits in diesem Jahr „ein Platz im Garten der Curia Aegidii und 1840 stattdessen der sog. Senioratszwinger am Georgentor zum Spiel- und Turnplatz bestimmt wurde.“
In der Bürgerknabenschule gab es wohl 1845 erste Überlegungen zur Einführung des Turnunterrichts. Ihr Schuldirektor Hoffmann und der Lehrer Schleich unterbreiteten dem Magistrat der Stadt „Vorschläge zur Errichtung einer Turnanstalt“, die der Stadtverordnetenversammlung am 21. Mai 1845 mitgeteilt wurden. Rund ein Vierteljahr später verständigte man sich dann auf drei dafür mögliche Grundstücke: den Frauenplatz vor dem Jakobstor, den Platz vor dem Marientor und den Senioratsplatz am Dom. Der Magistrat wurde beauftragt zu ermitteln, „ob es nicht angemessen sei, nur eine Turnanstalt für alle hiesige Schulen mit Inbegriff des Domgymnasiums hier zu errichten, da ja die Turnübungen für die verschiedenen Klassen und Schulen zu verschiedenen Tageszeiten erfolgen könnten, und ob es vielleicht möglich sei, den Senioratszwinger dafür zu verwenden.“ Also den Platz, den das Domgymnasium bereits seit 1840 nutzte. Auch wurde angeregt, „von allen drei Plätzen Zeichnungen aufnehmen zu lassen und sie dem betreffenden Turnlehrer zur gutachtlichen Äußerung über den zweckmäßigsten Platz mitzuteilen“.
Einen Turnlehrer gab es bis dahin nur am Domgymnasium, welches im übrigen „den Beitritt zu der städtischen Turnanstalt ablehnt“, wie man wiederum ein Vierteljahr später aus einem Protokoll der Stadtverordnetenversammlung erfährt. Als neues Grundstück für die Errichtung der Turnanstalt wurde nun der „mietweise zu erwerbende Garten der Suppe'schen Schenkwirtschaft vor dem Wenzelstor“ (Ecke Wenzelsring/Bürgergartenstraße) diskutiert. Als Turnlehrer hatte sich inzwischen ein Lehrer namens Waßmannsdorf aus Basel beworben, der dafür ein festes jährliches Gehalt von 500 Taler forderte. Zuzüglich der Kosten für die Einrichtung und Unterhaltung des Turnplatzes würde der Stadt dadurch ein jährlicher Aufwand von 500 bis 600 Taler entstehen, der sich, wie die Versammlung feststellte, „bei den sonst angenommenen Grundsätzen der möglichsten Ersparnis bei den Haushaltsetats sich durch nichts rechtfertigen lassen würde.“ Deshalb beschloss man, „für das Gehalt eines Turnlehrers und sonstige jährliche Unkosten, für Mietung des Turnplatzes, Unterhaltung der Utensilien usw. die Summe von 300 Taler auf den Etat zu stellen, den Überrest aber durch die Teilnehmer am Turnunterricht aufbringen zu lassen.“
Noch einmal, Mitte März 1846, befasste sich die Stadtverordnetenversammlung mit dem Thema. Der Bürgermeister Rasch erklärte, „dass sich als der geeignetste Platz für die Turnanstalt der Raum zwischen dem Bürgergartengebäude von dem Fahrwege an nach dem Pavillon zu herausgestellt habe; die daselbst befindlichen Obstbäume gewährten einen höchst geringen Ertrag und der Platz habe den Vorteil für sich, dass in dem Pavillon nicht nur die Turngerätschaften aufbewahrt werden, sondern auch die Turner bei schlechtem Wetter in diesem Gebäude sofort Schutz- und Unterkommen finden könnten. Da indessen dieser Platz bergan laufe, so müsse er erst geebnet, auch mit Sand befahren werden und hierzu, sowie zur Anschaffung der Gerätschaften werde nach einem ungefähren Überschlage ein Aufwand von 600 Taler erforderlich sein.“ Der neue Standortvorschlag wurde diskutiert und schließlich nach einer Abstimmung mehrheitlich angenommen. Auch die Kosten für die Errichtung des Platzes wurden bewilligt. Blieb noch die Turnlehrerfrage, die dadurch gelöst werden konnte, dass sich ein am Oberlandesgericht tätiger Justiz-Referendar namens Kinderling „aus Lust und Liebe zur Sache“ bereiterklärte, den Unterricht zu übernehmen. Er war u. a. von dem Turnlehrer Ernst Wilhelm Bernhard Eiselen unterrichtet worden und besaß daher viel Übung und Fertigkeiten im Turnen.
Nun, da alle Weichen gestellt waren, wurden die Arbeiten am Platz in Angriff genommen. Trotz des schwierigen Terrains gingen sie rasch voran und schon Ende Juli konnte der Platz fertiggestellt werden.
Ende April wurde erstmals die Öffentlichkeit über das Vorhaben informiert. Im Naumburger Kreisblatt war folgende Bekanntmachung zu lesen: „In einigen Wochen wird der Turn-Unterricht für die hiesigen Kommunal-Schulen eröffnet werden, wozu jetzt der Turnplatz auf dem Bürgergarten hergestellt wird. Der Turn-Unterricht für diese Schulen ist unentgeltlich, er findet Mittwochs und Sonnabends Nachmittags von 4—7 Uhr oder nach Befinden von 5—8 Uhr statt. Außerdem wird auch noch zu andern Zeiten jungen Leuten, die nicht den Kommunal-Schulen angehören, so wie auch erwachsenen Personen, die es wünschen, Turn-Unterricht gegen ein angemessenes Honorar erteilt werden, welches für den ganzen Cursus des laufenden Jahres auf 1 Taler für jede Person unter 16 Jahren und 2 Taler für jede ältere Mannsperson bestimmt worden ist. Wer an diesem Extra-Turn-Unterricht teilnehmen will, hat das festgesetzte Honorar in der Kämmerei gegen eine Bescheinigung einzuzahlen und sich mit dieser Bescheinigung bei dem Turnlehrer zu melden. Bedingung ist, dass jeder Teilnehmer am Turn-Unterricht sich eine vorschriftsmäßige Turn-Kleidung anschaffen muss.“
Die Bauarbeiten im Bürgergarten zogen natürlich Neugierige an und die Turngerüste verlockten einige nach deren Fertigstellung und noch vor der Einweihung dazu, diese „auszuprobieren.“ Deshalb wurde bekannt gemacht, dass das „auf dem Turnplatz aufgestellte Turnzeug außer an den Tagen, wo öffentlicher Turnunterricht erteilt wird, niemand ohne besondere Erlaubnis gebrauchen darf. Wer gegen dieses Verbot handelt, oder das Turnzeug freventlich beschädigt, wird außer dem Schadenersatz mit 1 Taler Geld oder verhältnismäßigem Gefängnis bestraft werden.“ Trotzdem kam es, wie es kommen musste, ein „Knabe, der gegen das Verbot handelte und ein Turngerüst freventlich bestieg“, brach sich ein Bein. „Möge dieser Vorfall“, so war zu lesen, „zur ernsten Warnung dienen und Eltern und Erzieher veranlassen, ihre Kinder und Pfleglinge von dergleichen gefährlichen Missbräuchen abzuhalten, um sie vor Schaden zu hüten.“
Nach den Sommerferien 1846 erfolgte am 17. August die amtliche Eröffnung und Weihe des Platzes, wo inzwischen schon der Unterricht begonnen hatte. Ausführlich wurde darüber im Naumburger Kreisblatt berichtet. „Nachmittags gegen vier Uhr versammelten sich sämtliche Turner, unter ihnen auch die vorzüglichsten Turner aus den oberen Klassen des Domgymnasiums, vor dem Bürgerschulgebäude am Topfmarkt. Nachdem sie dort nach ihren Riegen aufgestellt worden waren, setzte sich der Zug nach dem Rathaus zu in Bewegung. Voran schritt ein stark besetztes Musikcorps, ihm folgte die neue schöne Fahne, gestickt von Fräulein Sieglinde Jahn, des Turnvaters Jahn Tochter, und getragen von Eduard Arnold aus Freyburg, einem alten Turner, dahinter schritten der Turnvater Friedrich Ludwig Jahn und der Turnlehrer Heinrich Kinderling; dann kamen der Direktor und die sämtlichen Lehrer der Bürger- und Armenschule nebst fast allen Lehrern der übrigen Kommunalschulen, und endlich die Riegen der Turner, geführt von ihren Vorturnern. Vor dem Rathaus, auf welchem Magistrat und Stadtverordnete versammelt waren, wurde ein Kreis gebildet, das Musikcorps spielte ein Stück, worauf der Zug unter Begleitung von tausend und aber tausend Zuschauern über den Markt durch die Jakobsstraße zu dem Tore hinaus nach dem Bürgergarten zu sich bewegte. Auf dem Turnplatz angekommen, stellten sich die Turner in einem weiten Halbkreise auf, die Behörden, Vater Jahn mit der Fahne und die Lehrer traten auf die oberste Böschung.“ Nach dem gemeinsamen Gesang eines Liedes wurden die üblichen Reden gehalten, zunächst vom Bürgermeister Rasch, dem Schuldirektor Hoffmann und schließlich vom Turnvater Jahn, der die Fahne der Turngemeinde mit folgenden Worten übergab: „… Turner von Naumburg, empfanget mit Wohlwollen, was alte, nie gerostete Liebe Euch darbringt — diese Fahne. Schlicht ist sie und einfach, nicht von Samt und Seide. Die Gabe ist's nicht, wohl aber der Sinn, mit dem der Geber gibt. Und wenn die Jungfrauen Naumburgs, Euch einst eine schönere verehren; so behaltet diese zum Wahrzeichen. …“ Später wurde die Fahne von den Turnern in die Wohnung ihres Lehrers gebracht. Der Zeitungsbericht schließt mit den Worten: „Über 100 Erwachsene genossen auf dem Bürgergarten ein frugales Mahl, aber Tausende von Zuschauern wandelten in den schönen Gängen des Gartens bis spät in die Nacht auf und ab. Überall herrschte Frohsinn und Anstand und überall hörte man die Äußerung: Einen schöneren Tag, wie den heutigen, hat Naumburg noch nie erlebt!“
Soweit zum Beginn des Turnunterrichts in Naumburg. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass die Stadtverordnetenversammlung im Herbst 1846 beschloss, „vom Jahre 1847 ab den Kindern sämtlicher Einwohner der Stadt, ohne Unterschied welche Schulen und Institute sie besuchen, bis zur Konfirmation (14 Jahre) den Turnunterricht unentgeltlich erteilen zu lassen.“
Der Dank des Autors gilt Frank Minner für die Bereitstellung einer Abbildung der Turnfahne.