Wie das „Kaysersche“ Haus Markt 10 vor 100 Jahren neu entstand

24. September 2026

„Der Naumburger Marktplatz“, so schrieben der unvergessene Ekkehard Steinbrück und seine Frau Christa in ihrem Buch „Naumburg und Umgebung, eine Perle Mitteldeutschlands“, „ist die ‚gute Stube‘ der Stadt und zählt zu den schönsten Plätzen in Deutschland.

Sein charakteristisches Aussehen verdankt er dem Umstand, dass alle Häuser in den Jahren zwischen 1517 und 1525 – nach den großen Stadtbränden zu Beginn des 16. Jahrhunderts – entstanden sind und dadurch ein geschlossenes Ensemble repräsentieren. Diese einst für die reichen Patrizier aus Stein errichteten Gebäude verfügen wegen der Peter-Pauls-Messen nicht nur über mehrere Dachgeschosse, sondern auch über mehrere Kelleretagen und ragen weit in das Hinterland hinein.“ Alljährlich beleben Veranstaltungen wie die Taubenmärkte, das Kirschfest, der Töpfermarkt, aber auch der Mittwochmarkt und die immer beliebteren Abendmärkte den Platz.
Dem aufmerksamen Betrachter, auf dem Marktplatz stehend, werden vielleicht besonders am Rathaus die sechs gleichartigen Zwerghäuser auffallen, die sich vor einem hohen steilen Dach erheben und in einer für Mittelsachsen charakteristischen Weise durch rundbogenförmiqe Giebel abgeschlossen sind. Diese Giebel fallen auch am gegenüberliegenden „Kayserschen Haus“ ins Auge, sowie an der südlichen Marktseite am „Schlösschen“ genannten Haus, dem ehemaligen Sitz des evangelischen Bischofs Nikolaus von Amsdorf. Um das Bild abzurunden, das diese prächtigen Häuser auf dem Marktplatz bieten, wurde nach dem zweiten Weltkrieg auch das der Wenzelskirche vorgelagerte frühere „Borten- und Bänderhaus“ mit solchen Giebeln versehen. 

Das genannte Häuserensemble wurde im Jahr 1922 jäh eines seiner Bestandteile beraubt. „Eines der ältesten und bekanntesten Bürgerhäuser Naumburgs“, so wurde im Tageblatt berichtet, „das ‚Kaysersche Haus‘, Markt 10, das mit seinen rundbogigen Giebeln mit dem Rathause harmoniert und dem Gesichte des Marktes an seinem Teile mit einen einprägsamen Zug verleiht, ist am Morgen des 16. August von einem großen Dachstuhlbrande betroffen worden.“ Dieses Ereignis, zu dem wir später noch näher kommen, war Anlass, in der Zeitung über die Geschichte dieses Hauses zu berichten. Die Kenntnisse darüber reichen bis in das Jahr 1530 zurück. „Damals“, so war zu lesen, „war das Haus im Besitze des ‚Stadt-(Wund-) Arztes und Balbierers’ Bernhard Düring. Dieser besaß zugleich zwei Häuser im ‚Kleinen Gässlein‘ (dem Durchgang zwischen Marien- und Jakobsstraße, im 18. Jahrhundert ‚Rosengässlein‘, im 19. ‚Dreckgasse‘ genannt), sowie eine Scheune beim Jakobstor. 1535 wird als Eigentümer Jakob Kirchdörfer genannt, von dem berichtet wird, dass er 1516 Kämmerer, 1518 Bürgermeister gewesen und 1520 zum Oberbürgermeister gewählt, aber als solcher vom Bischof nicht bestätigt worden ist. Er besaß noch eine Hofstatt von Georg Bauermeister und zwei Häuser, die schon sein Vorbesitzer Döring von Friedrich Stahn ‚im kleinen Gässlein‘ erworben hatte. Aus ihnen ist wohl der umfängliche hintere Teil des Hauses entstanden. Von Kirchdörfers beiden Söhnen Thomas und Andreas folgte ihm der erstere. 1547 wohnte hier der Bürgermeister Veit Leube, als am Johannistage jenes Jahres Kaiser Karl V. in Naumburg einzog und bei ihm abstieg. Bald danach kaufte der Ratsherr Hans Weise das Haus (1561 wird er als Besitzer genannt). Weise, der auch das ihm gehörige ‚weiße Rößchen‘ (Marienstraße 16) mit frommen Sprüchen schmücken ließ, ist es vielleicht auch gewesen, der über dem Hauseingang Markt 10 den Anfang des 127. Psalms: Nisi dominus sedificaverit domum invanum laborant qui aedificant cam; nisi dominus custodierit civitatem frustra vigilant qui custodiunt eam (Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen; wenn der Herr nicht die Stadt bewacht, so wachen umsonst, die sie bewachen.) hat anbringen lassen. Hans Weisens Frau Ursula, seit 1589 Witwe, folgte ihrem Manne 1609 im Tode nach und ließ das Haus ihrem Sohne Hans Weise. Bei ihm wohnte 1614 gelegentlich des Fürstentags der Herzog August von Sachsen, der Bruder des Kurfürsten Johann Georg. Der nächste Besitzer war 1641 der Kammerschreiber Johann Herzog, 1650 der Kämmerer und Materialwarenhändler Johann Frauendorf, 1663 dessen Sohn, der Wenzels-Archidiakonus Magister Christoph Frauendorf (1629 geb., 1677 gest., seit 1658 Diakonus). Dessen Witwe Johanne Susanne geb. Berger schritt bald zu einer neuen Ehe und zwar mit dem Kammersekretär Johann Moßdorf, der mit ihr das Haus bis zu ihrem Tode 1698 besaß, worauf es an ihren einzigen Sohn aus erster Ehe, den Dr. Johann Christoph Frauendorf fiel, der sachsen-weißenfelsischer Rat, und von 1704—18 achtmal hier Oberbürgermeister war. 1718 kaufte der Kaufmann Gottfried Wilhelm Schweitzer das Haus, in dem sein aus Schwaben eingewanderter Vater Lorenz 1691 ein blühendes Geschäft begründet hatte. G. W. Schweitzers (1692—1778) Tochter heiratete den Oberbürgermeister Holderrieder, der Sohn aber Lorenz Wilhelm Schweitzer übernahm 1761 Haus und Geschäft, starb jedoch 1772 als erst 51jähriger Mann schon vor seinem Vater. Zunächst besaß das Haus seine Witwe Christiane Sophie geb. Oehler, von 1780 ab der Sohn Christian Schweitzer. Als er 1808 von hier fortzog (er starb 1829) überließ er Haus und Geschäft seinem Neffen August Traugott Vogel, dem jüngeren, der es neben dem väterlichen Geschäfte (Markt 12) unter der Firma Schweitzer & Vogel fortführte. Schon unter den vorangegangenen Inhabern zu höchster Blüte gediehen, war dies Geschäft zuletzt zu einem der reichsten, vornehmsten und einflussreichsten Mitteldeutschlands geworden, als es 1826 in Konkurs verfiel, ein Ereignis, das bei den weitverzweigten Geschäftsverbindungen allgemeines Aufsehen erregte. Etwa 10 Jahre später starb Vogel und das Haus kam an seine Witwe Julie Henriette Vogel ... dann an den Kaufmann Friedrich Kayser, später an seine Witwe Pauline Kayser geb. Haupt. Nach deren Tode ging es an ihren Sohn Max Kayser über, dessen Witwe es noch jetzt (1926) besitzt.“
Nun wissen wir also, warum das Haus das „Kaysersche“ genannt wird.

Was führte nun Kaiser Karl V. 1547 nach Naumburg in das Haus Markt 10? Er hatte zwei Jahre lang den sog. Schmalkaldischen Krieg gegen ein Bündnis protestantischer Landesfürsten und Städte, den Schmalkaldischen Bund, geführt, um im Heiligen Römischen Reich den Protestantismus zurückzudrängen. Aus der Schlacht bei Mühlberg am 24. April 1547 ging er als Sieger hervor und entschied damit den Krieg zu seinen Gunsten. Als er auf dem Weg nach Nürnberg am 24. Juni hier eintraf, führte er die gefangenen Anführer des Bundes, den Kurfürsten Johann Friedrich und den Landgrafen Philipp von Hessen mit sich. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es zur Ankunft des Kaisers: „Am Freitag, dem 24. Juni, sah der Wächter von St. Wenzel das Heer anrücken. Eilends lief er zum Bürgermeister, Herrn Dr. Johannes Steinhoffen. Der ließ schnell die Ratsherren zusammenrufen. Vor dem Jakobstore, bei dem Hügel mit dem Kreuze. erwarteten sie den Beherrscher der halben Welt. Da kam inmitten des Gefolges Kaiser Karl. Auf den Knieen liegend empfahl Dr. Johannes die Stadt der Gnade des Gewaltigen und bat um Entschuldigung, dass kein Thronhimmel zur Stelle war. Langsam zog der Kaiser in die geängstigte Stadt ein. Bald hing am Hause Markt 10 des Kaisers Wappenschild mit dem Reichsadler."
Weiter wurde berichtet: „Doch war man kaiserlicher seits auf die Bewohner Naumburgs ziemlich ungnädig, teils wegen der eingesetzten protestantischen Prediger, teils in Betreff Julius Pflugs, den die Naumburger nicht als ihren ordentlichen Bischof anerkennen wollten, und dem sie mit allen seinen Canonicis vor einigen Jahren manchen Schimpf angetan hatten. Aus diesem Grunde hausten auch die spanischen Truppen hier auf eine unverantwortliche Art; indem Hauen, Stechen, Kolbenstöße, Hinauswerfen des Essens zum Fenster in ununterbrochener Reihe folgte. In der Stadt war die Besatzung halb spanisch, halb italienisch. Die Offiziere und Befehlshaber aber darin aßen, tranken und sangen den ganzen Tag; die Bürger konnten nicht genug schaffen und unaufhörlich fuchtelten die Degenklingen auf ihren Rücken herum. Ihr Zeitvertreib bestand außerdem noch darin, Tische, Stühle, Bänke und Betten zu zerhauen und Alles dann zum Fenster hinaus zu werfen. Am andern Morgen, Sonnabend den 25. Juni, brach das Kriegsvolk und nach ihm auch der Kaiser auf. Alles atmete auf, da man die Gefahr nun beseitigt wähnte, aber das dicke Ende kam nach. Kurz vor der Abreise des Kaisers kam ein Bote auf das Rathaus mit der Meldung, dass sich die Stadt auf eine Schatzung gefasst machen und einen Bevollmächtigten nachschicken solle. Nicht weniger als 20.000 Gulden wurden der armen Stadt auferlegt, weil sie mit des Krieges Ursach gewesen. Bis Martini (10. November) waren 11.000 Gulden aufgebracht, der Rest von 9.000 Gulden wurde in Folge der Fürsprache des Bischofs Julius von Pflug in Gnaden erlassen.“

Nun, 375 Jahre später, brach am 16. August 1922 morgens gegen 3 Uhr in dem Dachgeschoss des Kayserschen Hauses ein Feuer aus, das in dem jahrhundertealten Gebälk des Dachstuhls rasch um sich griff. „Als die Feuerwehr kurze Zeit nach ihrer Benachrichtigung auf der Brandstelle erschien, stand der Dachstuhl bereits in hellen Flammen. Sie ging dem Feuer sofort mit mehreren Schlauchleitungen zu Leibe. Gegen ½ 5 Uhr konnte die Gefahr des Übergreifens auf den Flügel der Marienstraße als beseitigt gelten. Gegen 5 Uhr war es niedergekämpft. Heute morgen war ein Kommando der Wehr noch mit den Ablöschen der immer wieder aufflackernden Brandstellen beschäftigt. Später nahm man zum Ablöschen die Eimerspritze zur Hand, um den durch die hineingeschleuderten Wassermengen sowieso schon arg mitgenommenen Hause weitere Schädigungen zu ersparen. Leider dürften dadurch die schönen Stuckdecken des Innenhauses gelitten haben. Die Bewohner des Dachgeschosses, ein junges Ehepaar, das zudem nicht versichert haben soll, konnten fast nichts als das nackte Leben retten. Der Ehemann wurde bei dem Versuche, seine Habseligkeiten zu retten, ohnmächtig und musste wegen Rauchvergiftung in ärztliche Behandlung genommen werden.“ Soweit der Bericht in der Zeitung dazu. Ein nach der Marienstraße zu gelegener Giebel stürzte ab und die nach dem Markt zu gelegenen wurden aus Sicherheitsgründen abgetragen.

Das am Mädchenkirschfest 1924 oder 1925 aufgenommene Bild zeigt den traurigen Anblick, den das Haus über Jahre hinaus bot. Während der Inflation war nicht daran zu denken, das Haus wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. Erst Anfang 1926 kam Bewegung in die Sache. Das Tageblatt berichtete: „Wie bekannt, haben die Stadtverordneten in einer Geheimen Sitzung einem Vertrage mit der Eigentümerin des Hauses zugestimmt, inhaltsdessen die Eigentümerin mit Hilfe der Stadt das Haus wieder herstellt, insbesondere sein Äußeres erneuert und den Dachstuhl in der früheren Art wieder aufbaut.“
Kurze Zeit später begannen die Bauarbeiten. Schon Anfang Mai konnte Richtfest gefeiert werden. In der Zeitung war darüber zu lesen: „Das Dachgeschoss des Seitenflügels in der Marienstraße mit seinen vier alten Ziergiebeln sieht wieder schmuck aus und das Gebälk des Dachstuhles vom Hauptbau am Markte, der den Flammen zum Opfer gefallen war, ist nun gerichtet. Der Richtbaum, eine Maie mit flatternden bunten Bändern, ziert seit ein paar Tagen den First des Hauses. Dieser ist höher geworden und bildet eine gerade Linie mit dem des Nachbarhauses Markt 9. Das Gebälk der großen Rundgiebel wird eben aufgerichtet. Der Putz des großen alten Patrizierhauses ist völlig losgeschlagen und lässt das unregelmäßige Gefüge des alten Bruchsteinbaues, die Steinbögen der Gewölbe nackt und bloß hervortreten. Das mächtige Eingangstor zum weiten Hausflur mit seiner wuchtigen Holzbildhauerarbeit gibt Zeugnis von der zermürbenden Wirkung der Jahrhunderte.“

Anfang Oktober, also vor 100 Jahren, waren die Arbeiten weitgehend abgeschlossen. Im Tageblatt war man voller Lob: „Dem rastlosen Mühen des Stadtbaurates Hoßfeld, unserer Stadt ihre historischen Baudenkmäler zu erhalten, ist es gelungen, dieser Sehenswürdigkeit Naumburgs verschönt das alte Gesicht wiederzugeben. Drei der Rundbogengiebel grüßen wieder nach dem Marktplatze, 5 nach der Marienstraße herunter. Vom gelben Grunde des Hauses heben sich, in wetterfestem Stuck hergestellt, in den Giebelbögen, über und unter den Fenstern, Bogen und Zwickel ab, die an den Seiten rot abgesetzt sind. Die Bedachung ist wie früher wieder in Hohlziegeln ausgeführt. Dachrinnen aus Kupfer führen das Wasser in den Kanal. Ein wertvolles Stück alter Holzbildnerkunst ist der Torweg. Die prächtige in Eiche geschnitzte Tür, aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammend, wird vom Holzbildhauermeister Gustav Heinemann neu gestochen werden. Der Doppeladler über dem Tor erinnert an den Aufenthalt des Kaisers in diesem Hause. Das Innere weist im zweiten Stockwerk ein besonderes Kleinod auf. Eine Stuckdecke, im Barockstil freihändig modelliert, ist so einzig in ihrer Art, dass eine zweite in Deutschland nicht zu finden sein soll. Beim Brande war sie durch die Löscharbeit und das Eindringen des Wassers derart beschädigt, dass in Fachkreisen Zweifel bestanden, sie in aller Schönheit wieder herstellen zu können. Diese Aufgabe hat Kunstformer Ernst Rost genannt Franke, zur Zufriedenheit gelöst. Die beiden Dielen und der Treppenaufgang sind wie früher hergerichtet, die ausgetretenen Treppenstufen haben Holzbelag erhalten. Die Wohnräume des ersten Stockes sind schon länger fertig und von der Besitzerin Frau Kayser bewohnt. Das alte historische Haus zeigt sich nun uns Naumburgern wie fremden Besuchern in neuer und doch alter Gestalt. Möge es dazu beitragen, den Ruf der Naumburger Handwerkskunst in die Fremde hinauszutragen.“
Pläne, im zweiten Stock des Hauses das Heimatmuseum unterzubringen, wurden allerdings nicht realisiert.

Der Dank des Autors gilt Frank Minner für die Bereitstellung einer Ansichtskarte des Hauses.

 Markt 10 1924 25  Markt 10 heute
 Markt 10 zum Mädchenkirschfest 1924/25  Markt 10 heute

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